Zum Denken

Eines der gröbsten Mißverständnisse über das Leben eines Kleinkindes ist die Meinung: es spielt. Ich habe noch kein Geschlecht getroffen, das so unrettbar an eine anspruchsvolle Arbeit verloren wäre wie die Kleinkinder. Zum Spielen haben sie keine Zeit. (Barbara Sichtermann)

Eine perfekt(e) verhunzte Geschichte

Dieses Buch spielt mit seinen Lesern und vor allem mit den Bildbetrachtern: es spricht.

Dabei muss es doch eigentlich erst noch geschrieben werden. Denn die im Titel angekündigte Geschichte will und will einfach nicht zustande kommen. Oder ist das womöglich schon die Geschichte?  Eine Geschichte, die ständig die Ebenen wechselt und die sich selbst beim Erzählen oder Erzähltwerden zuhört. Große Verwirrnis!
Nicht zuletzt für Louis, den pfiffigen Protagonisten, Erzähler und verhinderten Erfinder der Geschichte. Marmeladen- und Erdnussbutterkleckse machen sich unvermittelt auf den Buchseiten breit und verhunzen alles. Da kann man schon mal wütend werden. Und das schleudert uns Louis dann auch verärgert ins Gesicht: uns, den Lesern. So geht man nicht mit einem Buch um! Jetzt auch noch schwarze Fingerabdrücke und O-saft. Aber damit nicht genug, da hat doch tatsächlich jemand kreuz und quer übers Blatt gekritzelt und – nein!!! – versucht jetzt die Wachsstiftspuren mit einem Küchenpapier weg zu wischen! Das macht doch alles nur noch schlimmer!

Was für eine herrliche Idee. Ein Buch, das mit uns spricht – über sich selbst. Aber keine Angst! Es gibt keinen einzigen Ton von sich. Es enthält keine künstlichen, nervtötenden ›sounds‹, die ja gegenwärtig in Büchern für die ganz Kleinen ein sehr beliebtes Mittel sind, um eindimensionale Inhalte scheinbar aufzuwerten. Im Gegenteil. Es ist ein ganz gewöhnliches Buch mit papierenen Seiten, bunten cartoonartigen Bildern und vor allem Louis, einem selbstbewussten Jungen, der durch seine Gefühlsausbrüche ob der vermeintlichen Eingriffe in seine Geschichte, dieser Erzählung immer wieder neue Dimensionen verleiht. Und dabei ist Louis ja selbst ein Element dieser Erzählung. Das ist verzwickt, vertrackt, abstrakt und sehr vergnüglich. Und deshalb ist dieses Buch eben kein gewöhnliches.

Wir geben voller Freude zwei Trüffeln. Eine für die tolle Idee und eine für die dynamische, ausdrucksstarke zeichnerische Darstellung des sympathischen Hauptdarstellers, oder (besser gesagt) Solisten Louis. Der turnt äußerst lebendig vor den kulissenhaften Landschaften und zwischen den erwähnten Störfaktoren herum, denen fehlt es aber leider, obwohl es fotografierte Elemente sind, an Ausdruckskraft und Kontrast gegenüber der Zeichnung. Man sieht, Patrick Mc Donnell ist Comiczeichner, nicht unbedingt Buchgestalter. Einen solchen und einen guten Typografen hätten wir ihm gewünscht, dann wären es drei Trüffeln geworden.
Aber trotzdem – jede Menge Denkpulver in diesem keineswegs verhunzten Buch.

 

Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen

Wie klingt ein solches Geräusch? Der Titel ist fast schon die Geschichte, eine Geschichte über das Unheimliche, das Heimliche, nicht Sichtbare, Unerklärte.

Und doch bleibt die Neugier für uns als Leser – Kinder wie Erwachsene – bis zur letzten Seite wach. Einfach weil sich hier alles um diese Erscheinung dreht, die wir alle kennen und doch nicht ergründen können. Das kann und tut auch John Irving in diesem außergewöhnlichen Kinderbuch nicht. Und genau das ist das Beste daran: er nähert sich Stück für Stück, Frage für Frage einer möglichen Erklärung. Aber ob die vorgeschlagene Lösung der Rätsel tatsächlich eine Maus ist, »die in der Wand krabbelt« das wollen wir hier offen lassen. Möglicherweise ist es ja nur die hilflose Antwort eines Erwachsenen auf die unbeantwortbare Frage eines Kindes.
Tom, der Protagonist in diesem Buch, findet unübertreffliche Beschreibungen für das, was er sich nicht erklären kann und bringt damit jeden Erwachsenen in Bedrängnis, der sich verpflichtet fühlt, stets und auf alles eine Antwort zu haben.
Das kann dabei herauskommen,  wenn ein vielfach preisgekrönter Literat sich als Kinderbuchautor betätigt. John Irving ist hiermit neben James Joyce der zweite seiner Art auf unserer Liste. Er schreibt, wie es erforderlich ist für sein Sujet und kümmert sich nicht um das, was Kinder angeblich brauchen oder gar was »kindgemäß« ist. Sein Maßstab ist einzig sein eigener künstlerischer Anspruch an eine gute, gut geschriebene Geschichte und die Einfühlung in die Erlebniswelt seiner Leserschaft. Auf diese Weise wird er ganz selbstverständlich auch seinen kindlichen Lesern gerecht. Solche Texte suchen wir.
Wir vergeben drei Trüffeln und erklären das Buch zu unserer dritten Quartalstrüffel 2017, obwohl wir an den handwerklich perfekten Illustrationen inhaltlich eine leise Kritik anbringen möchten. Die atmosphärischen Buntstiftzeichnungen von Tatjana Hauptmann erzählen John Irvings Geschichte absolut stilsicher weiter. Das erreicht sie auch dadurch, dass sie die Geschichte in einem amerikanischen Landhaus aus dem vergangenen Jahrhundert mit Holzfassade, Dielenboden und Webteppichen ansiedelt. Und genau das ist unser Kritikpunkt. Sie gibt punktgenau ein europäisches Amerikaklischee wieder und verschiebt damit die Ereignisse in eine ferne, verklärte Gegend und Zeit. Ein solcher nostalgischer Blick auf diese Geschichte (für eine deutsche Ausgabe aus dem Jahr 2003) nimmt ihr die direkte Wirkung.
Aber vielleicht ging es ja genau darum. Denn als Gutenachtgeschichte ist das Buch nicht geeignet. Daran ändern auch die beschriebenen Illustrationen nichts. Dennoch: die Bilder nehmen eine so empathische Perspektive ein,  sie sind erzählerisch so dicht, dass wir um die volle Punktzahl nicht herum kommen.

 

Elepfund und Hinkuin

Das fehlte noch! Ein ABC-Buch. Noch dazu ein Tier-ABC. Gibt es die nicht schon in Überzahl? Doch, so ist es. Aber trotzdem, dieses fehlte.

Denn anders als die anderen dieses Genres versucht es an keiner Stelle Altbekanntes über die hinreichend durchbuchstabierte Tierwelt zu verkünden. Vielmehr liefert es schier unglaubliche Erkenntnisse über bisher gänzlich unbekannte Geschöpfe wie Aua-Hahn, Brauen- und Colabär bis hin zur Ziehge. (Warnung: der gerade etwas abgeebbte Pädagogenstreit übers Schreiben nach Gehör könnte sich hierdurch neu entzünden!) Dennoch ist dieses Buch durchaus lehrreich. Hier erfährt man anhand von vierundzwanzig glänzend gereimten Kalauern wahrhaft Außerordentliches. Ein Buch – lehrreich und doch vergnüglich für Zoologen und Germanisten gleichermaßen und für Kinder sowieso. Die unterscheiden ohnehin nicht so penibel zwischen den Disziplinen. Zum Kuhgeln.
Auf diesem Gebiet – dem Gebiet des gemeinschaftlichen Gelächters unter Kindern mit Erwachsenen fehlt noch ganz viel auf dem Kinderbuchmarkt. Noch immer unterschätzt er den Wert des »schönen Unsinns«, wie James Krüss es genannt hat. Oder sind es die Buchkäufer, die das tun???
Umso wichtiger, dass wir dieses Buch in unsere Liste aufnehmen und mit zwei Trüffeln bedenken. Und zwar obwohl, oder weil (?) es inzwischen im Programm des Ravensburger Verlags fehlt und nur noch antiquarisch, bzw. auf den Ramschtischen in den Kaufhäusern zu finden ist. Aber ein echtes Trüffelschwein ist sich auch für sowas nicht zu fein!
»Nur« zwei Trüffeln verleihen wir, weil uns die durchaus humorvollen Illustrationen von Cornelia Haas einfach ein bißchen zu altbacken sind für ein Buch, das 2012 erschienen ist. Vor allem aber – das geht natürlich nicht auf das Konto von Frau Haas – weil am Ende des Buches völlig unnötigerweise eine Auflösung oder besser »Richtigstellung« zu den aufgeführten Tieren angehängt ist. Das ist ein Jammer und außerdem falsch. Ein dauerquasselnder Redenwurm ist eben ein Redenwurm und kein Regenwurm!
Also zwei Trüffeln, zwei davon für den Autor Hans Christian Schmidt und seine vierundzwanzig Reime. Zugegeben – vierundzwanzig stimmt nicht ganz! Es sind dreiundzwanzig aber einer zählt doppelt. An der Zuordnung von Tieren zu den Buchstaben  X und Y darf man durchaus scheitern. Hans Christian Schmidt löst das Problem indem er sie in einen einzigen Vers packt. Und er tut das mit größter Eleganz und dem Gleichmut eines Elefanz.
Tschuldigung, wir lieben Kalauer!

Herr Sauermann sucht seine Zähne

Dies ist ein pädagogisch äußerst wertvolles Kinderbuch… oder vielleicht doch nicht!
Es geht ums Ordnungmachen. Wobei sich die Frage aufdrängt: ist Ordnung denn überhaupt etwas, das man machen kann? Oder ist das nicht eher etwas, das ohnehin existiert und das man nur verstehen muss? Heißt es nicht, alles müsse seine Ordnung haben? Betonung liegt auf seine! Herr Sauermann jedenfalls macht nicht Ordnung, sondern Ordnungen. Er ordnet seine Sachen – seine sehr vielen Sachen – zum Beispiel nach Farben, nach Anfangsbuchstaben, nach Funktion, nach Form (irgendetwas Langes) oder nach Eigenschaft (sehr schwere Sachen). Alles fein säuberlich in Kartons verpackt und beschriftet. Und so hat alles seine(!) Ordnung. Wie es sich gehört.
Nur seine Zähne, die findet Herr Sauermann auf diese Weise nicht. Zum Glück erinnert seine Schwester ihn daran, doch einfach im Zahnschrank nachzusehen und siehe da… dort findet er neben allen anderen Zahndingen wie etwa der Bluetooth-Freisprechanlage, einer Säge, einem Zahnrad und zwei sehr alten Mammutzähnen auch seine eigenen Zähne. Womit bewiesen wäre: wer Ordnung hält, der kann etwas erzählen.
Beim Blättern in diesem etwas sehr großformatigen aber saukomischen Bilderbuch – oder besser gesagt, beim Wühlen in Alfred Sauermanns Kartons – entdeckt man die erstaunlichsten Gegenstände und stolpert über wahrhaft absonderliche Zuordnungen und Bezeichnungen. Zumindest der an konventionelle Ordnungen gewöhnte Erwachsene tut das. Ruby und Ada, denen dieses Buch gewidmet ist, haben damit wahrscheinlich weniger Probleme. Wenn man unter der Kategorie Familienporträts eine Türklingel findet, wirft das zwar die Frage auf, ob sie da denn hingehört. Aber nach kurzem, ernsthaften Philososphieren wird die Antwort sicher ein eindeutiges »Ja« sein und selbstverständlich kann eine Taschenlampe auch als Spinnenfinder bezeichnet werden. Doch, doch! Das alles folgt einer unwiderlegbaren, verblüffenden Logik. Eben nur nicht der gängigen.

Deshalb gehört dieses Buch von Jon und Tucker Nichols unbedingt in unser Regal! Aber wir vergeben nur zwei Trüffeln. Einmal, weil uns die Beschriftungen der abgebildeten Gegenstände in diesem gestalterisch sonst so anspruchsvollen Buch typografisch ziemlich nachlässig erscheinen und dann, weil an manchen Stellen bei der Übersetzung aus dem Amerikanischen unter dem Zwang zum Reim riesige Widersprüche zwischen Bild und Text entstehen: »Peas with cheese« ins Deutsche übersetzt reimt sich eben beim allerbesten Willen nicht. Und weil im vorliegenden Fall das Bild den Text diktiert, hilft »Mayonnaise mit Käse« nicht aus dem Dilemma. Hätten wir das Buch lektoriert, hätten wir zugunsten stimmiger Aussagen die Übersetzerin Kati Hertzsch von dieser unlösbaren Aufgabe befreit. Trotzdem! Dies ist eine eindeutige Kaufempfehlung für Herrn Sauermann. Erwähnenswert ist dabei auch der Schutzumschlag, der sich als beidseitig nutzbares Poster entpuppt und als tägliche Aufforderung zum Ordnungmachen sicherlich gute Dienste leistet!!!

Überall und nirgends

Es fällt uns ja immer schwer, Altersangaben zu machen zu den Büchern, die wir hier vorstellen.

Denn vordergründig geht es bei solcher Einordnung zwar um die Frage, was können, sollen, dürfen wir Erwachsene den Kindern zumuten – und das, obwohl wir ihnen tagtäglich diese ganze Welt zumuten. Genau betrachtet dient sie aber doch vor allem dazu, uns – eben jene Erwachsene – vor der Zumutung unbeantwortbarer Fragen zu schützen. Man lese dazu gerne den Beitrag von Prof. Jens Thiele, Bilderbuchforscher, auf dieser Seite: »Gedanken«.
Wegen solcher Gedanken steht dieses Buch bei uns im Regal ab 0 und wir richten hier gleich noch ein weiteres ein, das Regal bis unendlich. Paradox, denn in diesem grandios illustrierten Gedichtband geht es um eine einzige, ultimative Zumutung für jedes Alter: den Tod. Und das Buch steht auf unserer Liste, weil es sich dieser Zumutung so unbefangen nähert. Weil es so humorvoll und furchtlos auch Tabus verletzt: Über Tote nichts Schlechtes? Wieso eigentlich! Da ist zum Beispiel Tante Ann. Sie sitzt vor der Urne ihres verstorbenen Mannes und seinem grimmig dreinblickenden Konterfei. Sieh einer an, sagt sie, mein toter Jan. Sie isst ein Butterbrot und trinkt (wahrscheinlich etwas zu viel) und sie ist erleichtert. Denn sie weiß, ihr Haustyrann steht im Regal. Für immer!

Diese Texte nehmen niemals eine wissende Haltung ein, wollen nirgendwo überzeugen, nicht einmal trösten. Und doch kann es trösten und helfen, darin zu lesen. Das Buch ist eine Annäherung an das Unbegreifliche. Ans Sterben, Totsein, Trauern, ans Fürchten, Zweifeln, Vermissen. Es erzählt aber auch vom Überleben, vom Erben und  – vom Feiern. So viel zum Inhalt.

Und die Form? Wie schon gesagt, wir sind begeistert von den ganzflächigen Illustrationen. Sylvia Weve arbeitet mit den unterschiedlichsten Techniken – Scherenschnitt oder Strichzeichnung stehen neben Aquarell oder Frottage und doch hat das ganze perfekt durchkomponierte Buch einen sehr charakteristischen einheitlichen Stil.

Und dann haben sich die Gestalter noch einen besonderen Kniff ausgedacht: Immer wieder stößt man beim Umblättern auf halbe oder Viertelseiten. So ergeben sich beim Umblättern überraschende, verblüffende Zusammenhänge, Quer- und Rückbezüge der Texte und Bilder zueinander. Und noch etwas: dieses Buch nimmt man wirklich gerne zur Hand. Schönes, griffiges Papier, ein ungewöhnliches, aber angenehmes Format und es riecht gut! Das macht Freude, bevor man eine Zeile gelesen hat. Wie empfehlen aber dringend, es doch zu tun. Zum Glück gibt es drei (!) Lesebändchen. Und von uns für jedes eine Trüffel.

Prinz Bummelletzter

So viel vorweg: Das ist ein Buch nach unserem Geschmack.

Es ist voller Humor, kümmert sich nicht um irgendeine Botschaft und trägt doch eine ganz elementare in sich: Es lebe die Langsamkeit! Der Text erzählt das so frisch und frei, als kämen der Autorin die Worte gerade jetzt in den Sinn – jetzt, wo wir sie lesen. Und weil hier Text und Illustration aus derselben Hand stammen, gilt auch folgendes: Sybille Hein zeichnet, aquarelliert, kollagiert so frisch und frei, als flössen ihr die Situationen und Gestalten gerade jetzt aus der Hand – jetzt, wo wir sie betrachten. Das ist allergrößtes Vergnügen.
Aber warum das Buch in erster Linie bei uns im Regal steht, ist das, wovon es handelt: vom unschätzbaren Wert von Langsamkeit und genüsslicher Bummelei. Wie schön! Gibt es ein besseres Sujet für ein Kinderbuch? So erobert der Prinz auf diese Weise sogar die Prinzessin. Und das Schönste: Sybille Hein behandelt es im Text ebenso wie im Bild ganz ohne philosophische oder gar pädagogische Ambition aus lauter Lust am Fabulieren, Formulieren und Übertreiben. Nicht umsonst haben wir auf Denkpulver eine Abteilung mit Büchern von der Zeit und wir freuen uns, dass wir diese Abteilung jetzt erweitern können.

Aufgrund dieser Lobeshymne müssten jetzt eigentlich drei Trüffeln folgen … müßten! Aber bei diesem Buch tut es uns fast selber leid, dass wir so pingelig sind. Es ist künstlerisch großartig, technisch/handwerklich leider nicht. Da sind immer wieder Füße oder Krönchen der wunderbar kuriosen Figuren, die sich gerne ganz am Seitenrand des Buches aufhalten, dem Beschnitt zum Opfer gefallen. Ganz sicher wird das den lesenden Kindern das Vergnügen nicht schmälern, aber: »Das fällt doch keinem auf!» gilt nicht als Argument. Wir hatten zwei Exemplare vorliegen und leider fand sich dieser Fehler bei beiden. Besonders ein so schön konzipiertes Buch hat mehr Sorgfalt in der Herstellung verdient.
Deshalb gibt’s nur zwei Trüffeln. Aber die mit Überzeugung.

Lisa, Paul und Frau Fisch

In welche Schublade passt wohl diese rätselhafte Geschichte?
Alltag und Familie? Ja! Kindliche Gefühlswelt? Auch ja!
Märchen und Phantasie? Auch ja!

Also der Reihe nach: Kategorie Familienalltag: »Lisa ist ein Einzelkind. Sie hat es schön mit ihrer Mama und ihrem Papa. Plötzlich aber erlebt sie höchst seltsame Dinge und Mama erwartet doch noch ein Kind.« So heißt es im Klappentext. Passt, oder?
Kindliche Gefühlswelt: »Lisa kommt von der Schule nach Hause. Mama ist nicht da. Seltsam, denkt Lisa. Mama ist sonst immer da.« So beginnt das Buch. Passt also auch.
Oder doch Märchen und Phantasie? »Sie (Lisa und Frau Fisch) schnorcheln nicht nur, sie tauchen. Das geht ganz mühelos, denn nun sind sie beide Meerjungfrauen. Anstelle der Beine haben sie einen Fischschwanz.« So heißt es im letzten Kapitel kurz vor der erwarteten Auflösung des Rätsels. Passt also ebenfalls.
Aber eine solche Auflösung verweigert uns die Autorin. Sie lässt all die Merkwürdigkeiten, die Lisa erlebt, einfach so stehen. Und die Merkwürdigkeiten sind zahlreich in dieser Geschichte. Zum Beispiel diese Frau Fisch (im richtigen Leben Lisas Lehrerin und in Lisas Wahrheit außerdem Ärztin, Schutzengel oder eben Meerjungfrau) sie ist immer dann zur Stelle, wenn Lisa sich mit einem Problem allein sieht. Das könnte man tiefenpsychologisch deuten. Der Eingangssatz des Klappentextes legt das nahe.
Aber der Text innerhalb der Buchdeckel kümmert sich nicht um Literaturgattungen. Im nächsten Moment bewegt sich die Geschichte auf eine ganz andere, phantastische Ebene und verweigert sich damit allen Erklärungsversuchen. Lisa erlebt auf ihren Ausflügen mit und ohne Frau Fisch Dinge, die sich eigentlich erst viel später in der Geschichte ereignen. Sind das Phantasien, ist es Wunschdenken? Brigitte Schärs Text verweigert sich selbstbewußt auch solchen psychologischen Deutungen. Nennen wir es also vorweggenommene Wahrheiten.
Die Autorin erzählt von Bild zu Bild ohne Rückversicherung ob Kindern das zuzumuten sei und deshalb gibt es am (guten!) Ende eben auch keine Auflösung. Das Rätsel bleibt und die Frage nach der passenden Schublade auch. Das gefällt uns. So sehr, dass wir fast zwei Trüffeln verliehen hätten, denn das ist mutig und wichtig.
Aber wir vergeben Trüffeln nicht nur für eine Geschichte, einen Text, wir vergeben sie für Bücher.  Und da finden wir es sehr schade, dass der Illustrator das Angebot der Autorin, sich zwischen den Realitäten zu bewegen, nicht annimmt. Jens Rassmus’ Tuschzeichnungen zeigen stimmige, lebendige Charaktere und Situationen aber sie erzählen so streng am Plot entlang, dass sie keine andere Ebene und folglich auch kein Rätsel zulassen. Damit ist in unseren Augen nicht nur eine Chance vertan. Es entzaubert das Leseerlebnis. Aber trotzdem! Eine Trüffel hat das Buch allemal verdient.

Hieronymus (Bilderbuch ohne Worte)

Ein Abenteuer in der Welt des Hieronymus Bosch

Ein Abenteuer – aber Hieronymus Bosch? Ist das denn was für Kinder? Aber sicher, wenn man es so macht wie Thé Tjong Khing !
Der Moritzverlag hat sich hier etwas getraut, wobei der niederländische Verlag Uitgeverji Leopold, so vermuten wir, wahrscheinlich mit weniger Vorbehalten zu kämpfen hatte. Wir begrüßen das – erste Trüffel!
Auf großformatigen Doppelseiten breitet der Illustrator hier eine grausig schöne Welt aus, die in ihrer Farbenkraft der von Hieronymus Bosch fast gleichkommt und dennoch durch die lockere Strichführung leicht und zugänglich bleibt. Ein Kunststück –  und dafür gibt’s die zweite Trüffel.
Aber uns stellt sich eine ganz andere Frage. Nämlich: ist es denn wirklich nur ein Abenteuer,  was es dieser Fantasiewelt zu erleben gibt? Ist das, was sich uns hier eröffnet, nicht eher ein Traum? Einer von denen, wo Angst, Glück, Todesgefahr, Heldenmut, Siegesgewissheit, Mutlosigkeit, einfach alles, was das Leben so ausmacht, eine “Handlung” vorantreibt. Thé Tjong Khing hat ganz ohne Worte entlang von einzelnen, bekannten Bildmotiven aus dem Boschkosmos eine durchgehende Geschichte gewebt, die solcher Traumdramaturgie folgt. Ein Kinderalptraum: stürzen, verfolgt werden, getäuscht und gefangen werden, verlieren und wiedererlangen, was einem lieb ist. Und ein Kinderheldentraum: das Böse überlisten, alle Gefangenen befreien und am Ende selbst gerettet werden. Und das alles in Jetztzeit, beim Blättern. Wir sehen das Unglück kommen, es lauert hinter dem Baum und wir wollen den Jungen warnen: “Die Hexe! Die Hexe! Nicht weitergehen, Jeroen !”– so heißt der Junge im niederländischen Original. Aber natürlich passiert es doch, wir blättern weiter und uns fährt der Schreck in die Glieder, als wären wir nicht Betrachter, sondern Mitträumer.
Jede einzelne dieser Seiten bietet genug Erzählstoff für ein ganzes Buch und ist doch “nur” eine Momentaufnahme in einer tausendfältigen Erzählung. Da verschränken sich die Ereignisse, künden sich immer neue an und es bleibt dem Leser garnichts anderes übrig, als immer wieder vor- und zurück zu blättern. Wir haben das ausgiebig getan, haben Motive, Ereignisse und Gestalten zurückverfolgt, wiederentdeckt oder neuentdeckt und weiterverfolgt. Wir haben immer neue Verflechtungen, Querverbindungen, Zusammenhänge entdeckt und ganz sicher finden wir beim nächsten Mal ein weiteres Detail, eine weitere Wendung in dem Traum, den der Protagonist da träumt. So bunt und aufregend, lustig und gruselig zugleich, wie soll man das alles am nächsten Morgen erzählen?
Unser Exemplar des Buches trägt infolgedessen schon deutliche Gebrauchsspuren und eigentlich gibt es bei uns für derlei gerne ein paar Pingelpunkte. Aber wir betrachten das in diesem Falle als Qualitätsmerkmal – ein inhaltliches! Und deshalb verleihen wir an dieser Stelle die dreieinhalbte Trüffel, die macht unsere Pingelei wieder wett.

Wörterwuselwelten

Wörterwuselwelten von Ann Cathrin Raab,

das ist nicht nur ein Kinderbuch. Es ist eine Spielanleitung und ein Leitfaden für Erwachsene, die bereit sind, einmal mit Kinderblick spazieren zu gehen. Aber auch und gerade deshalb eine echte Herausforderung für jeden Vorleser. In diesem Wörterbilderbuch gibt es zwar auch eine ›Handlung‹. Die gilt es aber erst einmal aus dem Wörterwust herauszufiltern, der sich wie ein einziger Assoziationsstrom durch das ganze Buch zieht. Hier gibt es keine ordentlichen Zeilen und keine direkte Text/Bild-Korrespondenz. Und so sieht man sich als Leser immer wieder gezwungen, stehen zu bleiben, so als ginge man mit einem Kleinkind spazieren – hierhin, dorthin. Fühlt sich aufgefordert, zu verharren, weil etwas anderes – dies und das – die Aufmerksamkeit ablenkt und plötzlich interessanter ist als irgendein vorgefasstes Ziel. In diesem Fall sind das Wörter wie Pausenclown, Falschparker, Bermudadreieck oder, was immer das bedeuten mag: Philosophengemütlichkeit. Was fangen Kinder mit solchen Wörtern an?  Keine Ahnung – es gibt sie. Sie sind überall und Kinder begegnen ihnen täglich, denn Kinder leben in dieser von Erwachsenen gestalteten Welt. Täglich sind Kinder konfrontiert mit einem solchen ungefilterten Zusammenklang von Ein- und Ausdrücken.  Danke, Frau Raab!
»Ein Ausflug« heißt das Buch im Untertitel und damit ist nicht nur die erwähnte Handlung beschrieben. Die geht so: Viele kleine Tiere, die fuhren einmal los. Sie fuhren hierhin, dorthin, sahen dies, und sahen das. Sie aßen was, und hatten Spaß, bestanden Abenteuer und machten ein Lagerfeuer. Dann sagten sie Gute Nacht. Das ist alles. Aber das ist natürlich nicht alles. Sich dieses Wimmelbuch der ganz eigenen Art zu erlesen, ist wie ein Ausflug mit einem und in einen Kinderkopf, wenn man sich darauf einläßt zu verharren, sich zu wundern und nicht sofort zu verstehen. Denn was ist ein Trettreckerrollerroll, eine Schuhunfallhupe, eine Fliegerpuppenwagenbutterfahrt oder geht es hier um Papierfliegerpuppenwagenbutter? ODERISTDASVIELLEICHTALLESEINEINZIGESWORT? Oder möglicherweise sind das gar keine Wörter sondern alles Bilder?
Apropos! Richtige Bilder gibt es natürlich auch. Scheinbar beiläufig hingekritzelte sonderbarste Wesen, Fahrzeuge und Maschinen bevölkern diese Welt und wahrscheinlich kann Ann Cathrin Raab auch soetwas wie  Philosophengemütlichkeit bildlich darstellen. Hat sie vielleicht mit diesem Buch bereits getan. Und was das Ziel dieses Ausflugs ist, lassen sich Erwachsene am Besten von einem kindlichen Reisebegleiter erklären.
Nominiert für die nächste Quartalstrüffel!

Ein Bär namens Sonntag

Kinderbücher übers Liebhaben gibt es zuhauf. Allesamt sind sie poetisch, zauberhaft, warmherzig undsoweiter und alle handeln sie von Hasen, Bären oder anderen Pelzigen. Dieses auch. Und auch der Verlag Antje Kunstmann preist seines auf dem Buchdeckel als eine »poetische Geschichte« an, »von Michael Sowa zauberhaft ins Bild gesetzt.« Das ist nicht unbedingt falsch und sicher hilfreich wenn es darum geht, Menschen zum Kauf des Buches zu bewegen. Andererseits aber führt diese Aussage den Käufer – der ja mitunter auch Leser von Kinderbuchrezensionen ist – auf die falsche Fährte weil hier das gleiche Vokabular benutzt wird, wie bei der Flut von süßlicher Kuscheltierliteratur, die sich so gerne unter dem Poesie-Label anbietet. Wer hier deshalb solches vermutet, wird enttäuscht sein. Dieses Buch ist anders und genau deshalb steht es bei uns im Regal.
Es handelt zwar auch von einem kleinen Jungen, seiner Liebe zu einem kuscheligen Bären und der großen Frage, ob diese Liebe denn auch erwidert wird. Und bis dahin könnte man es ohne Weiteres in der beschriebenen Kitschschublade vermuten. Aber Axel Hacke behandelt diese elementare Frage mit größter Ernsthaftigkeit, ganz viel Witz und einer genial überraschenden Wendung. Und – und das gefällt uns besonders gut – er lässt sie offen, aber nicht unbeantwortet. Das ist wirklich poetisch.
Und was ist mit den zauberhaften Illustrationen? Michael Sowa sucht sich die besonders abseitigen Situationen in Axel Hackes Geschichte aus, um sie zu bebildern. Davon gibt es reichlich und das ist zauberhaft in dem Sinne, als man nach dem ersten Durchblättern von Bild zu Bild mit lauter Fragezeichen im Kopf zu lesen beginnt und ganz erstaunt ist darüber, wie ›normal‹ diese Geschichte beginnt. Und dann enträtseln sich die Bilder mit dem sowatypischen surrealistischen Touch eins nach dem anderen mit jedem Abschnitt der Geschichte. Am Ende haben wir den kleinen Jungen durch seinen Traum begleitet als wär’s unser eigener gewesen – ein Zauber.
Also stimmt er doch, der Klappentext. Aber eben anders.
So wünschen wir uns Kinderliteratur. Wir vergeben zwei Trüffeln. Aber nur zwei, weil im Buchhandel inzwischen nur noch die kleinformatige Ausgabe erhältlich ist. Für selbständig lesende Kinder, für die wir das Buch hier empfehlen möchten, nicht sehr attraktiv.

Hirameki von Peng und HU

Mit dieser Buchempfehlung begeben wir uns auf fremdes Terrain.

Denn erstens haben wir uns dem erzählenden Kinderbuch verschrieben und zweitens ist Hirameki keins von beiden, weder erzählend im üblichen Sinn noch ausgesprochenes Kinderbuch. Es ist aber ebenso wenig ein  Erwachsenenbuch und steckt außerdem voller Erzählstoff. Deshalb steht es bei uns im Regal. Wir empfehlen es für Kinder und für Erwachsene mit und ohne Kinder.
Hirameki ist japanisch und heißt soviel wie Funken oder Inspiration. Im Untertitel nennt der Kunstmannverlag das Buch einen »genialen Klecks- und Kritzelspaß«. Solche Ankündigungen finden wir im Allgemeinen eher abschreckend aber an dieser höchstinspirierenden Kleckssammlung haben wir allergrößtes Vergnügen gefunden. Der Klappentext beschreibt es dann auch wesentlich eleganter und treffender:
Am Anfang war der Klecks
In Hirameki kulminieren zwei elementare Geistesleistungen: Sinnsuche und Selbsterkenntnis. Ein kleiner Klecks offenbart durch das hinzufügen weniger Punkte und Striche sein wahres Wesen, im völligen Einklang mit der Phantasie des Betrachters. Damit beschert uns Hirameki ein Hochgefühl unverhoffter Erhabenheit und entzückt Auge, Hand und Hirn.
Hirameki – das Glück im Kleinsten finden.
Worum geht es? Die Kleckskünstler Peng und Hu – die Recherche über die wahren Identitäten, die sich hinter diesen Pseudonymen verbergen, haben wir uns hier gespart – beschreiben es folgendermaßen:
Als ein westlicher Gesandter als Gast des Kunstministers erstmals mit Stäbchen aß, fiel ihm eine Morchel vom Mund und befleckte das Tischtuch. Der Kunstminister ließ Peng und Hu kommen und wies konsterniert auf den Fettfleck. Peng und Hu zückten ihre Stifte und versahen den Fleck mit drei krummen Strichen. »Ein dicker Hund«, erklärte Peng. »oder ein Tapir.« ergänzte Hu. »Und ich sage, es ist ein Ferkel!« rief der Kunstminister, ohne jemanden direkt anzusehen.
Weiter im Inneren des Buches verliert sich leider bei den eingestreuten lockeren Reimen öfter mal solche sprachliche Eleganz. Beispiel: »Büschel hier und Büschel dort, mal sind’s Haare mal ein Bart«. Deshalb gibt es nur zwei Trüffeln.
Dennoch raten wir zum Kauf denn schließlich finden sich in dem Buch dann auch wieder so schöne Zeilen finden wie diese: »Ohne Sinn ist alles Unsinn.« Der Satz könnte von uns sein und wir möchten ergänzen: … aber auch ohne Zweck ist längst nicht alles zwecklos.

Der Besuch

Dieses Bilderbuch steht vor allem deshalb bei uns im Regal, weil Antje Damm hier den gewohnten Rahmen der Kinderbuchillustration einmal verlässt. Wer unsere Rezension zu »Wutz, Butz und Papa Bär« von Ruth Feile gelesen hat, kennt diesen Satz. Weil solches aber so selten geschieht, wiederholen wir ihn hier gerne und genüsslich. Antje Damm gelingt es, dem Betrachter ein echtes Raumerlebnis zu bereiten. Und zwar ohne drucktechnische oder optische Tricks oder Hilfsmittel. Hier hat man ein ganz normales Bilderbuch in Händen zum ganz normalen Blättern. Nein, nicht ganz normal. Schon mit dem Buchdeckel öffnet man die dort abgebildete Tür und betritt eine Puppenstube.  Ein Papiertheater, ausgestattet mit Pappmöbeln und geheimnisvoll beleuchtet. Dramaturgisch klug fotografiert, führt die Kamera durch diese in Worten schnell erzählte Geschichte (Einsame, alte Frau erhält überraschend Besuch von einem ihr unbekannten kleinen Jungen, der ihre triste graue Welt durch seine vorbehaltlose Neugier farbig und fröhlich werden lässt und ihre Angst vertreibt). Aber dann sind da eben diese Bilder und die sind nicht schnell erzählt. Mit diesem Buch kann man sehr viel Zeit verbringen. Antje Damm schafft durch ihre Technik eine verblüffend vielschichtige Bilderzählung. Sie erzeugt eine fesselnde Illusion und macht aus dem Betrachten der Bilder ein geradezu theatralisches Ereignis.
Wir geben begeistert drei Trüffeln!

Ludwig I. König der Schafe

Ein Kinderbuch über Despotismus, Macht, Willkür, Ausgrenzung, Faschismus (?) – wie sieht so etwas aus?
Aus der Feder von Olivier Tallec kommt dabei ein fröhliches, lustiges, skurriles Bilderbuch heraus und das ist großartig!
Die handelnden Personen: Ludwig der Schafbock, seine Herde und ganz zum Schluss – nicht zu vergessen… dazu später mehr.
Ganz ohne sein Zutun, durch einen Windstoß, erhält Ludwig die Königswürde verliehen in Form einer zufällig dahergewehten blauen Papierkrone. Ohne sein Zutun und ohne dass das Schafsvolk davon großartig Notiz nimmt. Zunächst! Bis König Ludwig mit dem Regieren beginnt, Zepter und Reden schwingt, Jagdgesellschaften abhält, eine Armee aufbaut und schließlich unliebsame Untertanen vertreibt. Was eben so dazu gehört zum Königsein. »Was gut für mich ist, ist gut für mein Volk!« zitiert der Autor und Illustrator seinen Protagonisten auf der Buchrückseite.
Wir empfehlen dieses Kinderbuch, weil es ein Lehrstück ist über Tyrannei das ganz ohne Gesinnungstyrannei auskommt. Denn es spielt ja in der ulkigen Welt der Schafe, jener Spezies, die jeden Zeichner herausfordern und zugleich beflügeln muss. Sind sie denn nun lieb und niedlich oder einfach nur doof? Tallec kennt und entdeckt uns neben diesen beiden Eigenschaften des Schafs eine dritte, dunkle Seite am Beispiel des dornenhalsbandbewehrten Jagdschafs, vor dem sogar der eigens importierte Löwe flieht. Der König lebt in Saus und Braus.
Doch auch jede Herrschaft ist endlich. Die König Ludwigs I. hält an bis zum nächsten Herbststurm. Da wird ihm die Krone wieder vom Haupte geweht und alles wird wieder gut, also so, wie es vorher war. Wirklich gut? Nicht ganz! Ein anderer hat die Krone aufgesetzt bekommen und wer das Buch aufmerksam durchgeblättert hat, konnte das Unheil kommen sehen. Die Schafsbevölkerung hat es natürlich nicht.
»Der König ist der König und ist er‘s nicht, so ist‘s ein anderer!« lässt Heiner Müller eine seiner Theaterfiguren einmal sagen. In diesem Falle ist der andere – ojeh, der böse Wolf.
Dies ist mit drei Trüffeln unsere Kinderbuchempfehlung des Monats.

Die Katzen von Kopenhagen

Eine Bestenliste illustrierter Bücher ohne eines von Wolf Erlbruch ist keine. Und in diesem Buch kommen noch zwei weitere Meister ihres Fachs hinzu: der Autor James Joyce und der Übersetzer Harry Rowohlt. Das ist Kindern selbstverständlich egal, aber für das Ergebnis nicht unerheblich. Als hätten die drei das Buch gemeinsam konzipiert, sprechen hier Wort und Bild im gleichen Ton, spinnen verschmitzt und hintersinnig an einer Art Seemannsgarn, das so skurril und anarchistisch ist, dass man eigentlich sofort eine Schiffsreise in diese sagenhafte Stadt Kopenhagen antreten möchte, wo Polizisten den ganzen Tag im Bett verbringen (James Jocye) und Fische Fahrrad fahren (Wolf Erlbruch). Das ist mit so leichter Hand skizziert, wer fragt da nach Beweisen. Alles ist denkbar, es lebe die Fabulierkunst! Unbedingt drei Trüffeln.

Wenn Du einen Wal sehen willst

In diesem Buch kann man einem Kind beim Schauen zuschauen.

Das ist geradezu beglückend und – erhellend. Denn von diesem Kind können wir außerdem das Schauen neu lernen. Wir legen wie der Junge, der uns hier Geduld und Versenkung, Muße und Selbstvergessenheit lehrt, den Kopf ein wenig schief und lassen uns von der Illustratorin Erin E. Stead von Imagination zu Imagination in die Wirklichkeit der Vorstellung führen. Es gibt ihn tatsächlich, den Wal, man kann ihm sogar begegnen. Man muß nur lange genug aus dem Fenster schauen. Diese Bilder – nein, das ganze Buch – sind Ausblick und Einblick in Einem. Bis auf die letzte Seite. Da ist der Zauber plötzlich zu Ende. Da rummst der Wal (und der Betrachter) gegen ein rotes Vorsatzpapier. Das ist sehr schade und unnötig und gibt deshalb einen Pingelpunkt. Aber man kann ja einfach nochmal zurückblättern und die Reise von vorn beginnen. Wir haben das gemacht, mehrmals und dann zwei Trüffeln vergeben.

Sam und Dave graben ein Loch

Sam und Dave graben ein Loch und sie graben so lange »bis wir etwas ganz Besonderes finden.« Sam und Dave sind wie wir. Dieses Buch war unsere erste Quartalstrüffel! Warum? Weil es eine Geschichte erzählt, die so pur und schnörkellos ist wie ihr Titel und deshalb so wahr. Und weil die Illustrationen von Jon Klassen so voller verborgener Schätze sind wie der Weg durch den Erdball, den die beiden bei ihrem Tun durchqueren. Weil wir die Sebstverständlichkeit lieben, mit der hier das Unmögliche passiert und das Mögliche passiert wird. Darin sehen wir einen zentralen Wesenszug vom Kindsein. Eine ganze Trüffel verdient das Buch allein für die Sorgfalt mit der es gestaltet ist. Selbst das Vorsatzpapier erzählt mit. Und wir sind begeistert von der Bilddramaturgie. Wir befinden uns auf dem Weg in die Tiefe immer auf gleicher Höhe wie die Protagonisten und wissen doch stets mehr als sie – übrigens genau wie ihr Begleiter, der aber von ihnen nicht beachtet wird, er ist ja schließlich nur ein Hund. Wir erleben, wie sie eine vermeintliche Chance nach der anderen verpassen, möchten gerne eingreifen und sind verblüfft und glücklich, wenn die beiden sich am Ende doch als klüger erweisen, als wir es sind. Denn ob die Unternehmung geglückt ist oder nicht, das bestimmen sie selbst. Das ist doch Stoff für eine philosophische Diskussion. Die Frage: welchen Sinn hat es, ein Loch zu graben? Auf gehts!

Dunkel

Zugegeben, da mußte das Schwein nicht lange graben, um diese Trüffel zu finden. Lemony Snicket und Jon Klassen sind ja ausreichend gelobt worden für dieses Buch. Aber weglassen können wir es natürlich auch nicht, denn das Lob besteht ja zu recht. Also treten wir ein in den Chor der Begeisterten und bestehen aber trotzdem auf einem Solo. Was die Geschichte von Leo nämlich besonders macht, ist der Aspekt der Angstlust, den Lemony Snicket und Jon Klassen hier grandios beschreiben. Es ist einfach zu kurz gesprungen, liest man aus dieser Geschichte nur die simple Botschaft heraus: Leo verliert seine Angst vor dem Dunkel, weil… (welche Lösungsvorschläge auch immer pädagogisch Engagierte hier parat haben mögen). Dieses personifizierte Dunkel übt eine unwiderstehliche Faszination aus und davon handelt für uns die Geschichte in erster Linie. Es ruft, lockt und erweist sich am Ende als verschmitzter Ratgeber bei Ängsten aller Art. Die Lösung könnte lapidarer nicht sein: eine Glühbirne. Und weil das so garnicht pädagogisch gedacht und grafisch so radikal dargestellt ist, gibt es von uns 3 Punkte. Wenn Kinder durch diese Lektüre auch ihre Angst vor der Dunkelheit überwinden, dann haben wir da natürlich nichts dagegen.

Mitreden und
kommunizieren

Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190)