Vom Leben mit Erwachsenen

Das Allermeiste, was wir unter Erziehung verstehen, erzieht in der Tat kaum. Wie sich unsere Kinder als 20-Jährige verhalten, ist nicht die Folge der Erziehung, sondern unseres Zusammenlebens in der Familie. Wir sind Vorbilder, gute und schlechte, 24 Stunden am Tag. (Jesper Juul)

Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen

Wie klingt ein solches Geräusch? Der Titel ist fast schon die Geschichte, eine Geschichte über das Unheimliche, das Heimliche, nicht Sichtbare, Unerklärte.

Und doch bleibt die Neugier für uns als Leser – Kinder wie Erwachsene – bis zur letzten Seite wach. Einfach weil sich hier alles um diese Erscheinung dreht, die wir alle kennen und doch nicht ergründen können. Das kann und tut auch John Irving in diesem außergewöhnlichen Kinderbuch nicht. Und genau das ist das Beste daran: er nähert sich Stück für Stück, Frage für Frage einer möglichen Erklärung. Aber ob die vorgeschlagene Lösung der Rätsel tatsächlich eine Maus ist, »die in der Wand krabbelt« das wollen wir hier offen lassen. Möglicherweise ist es ja nur die hilflose Antwort eines Erwachsenen auf die unbeantwortbare Frage eines Kindes.
Tom, der Protagonist in diesem Buch, findet unübertreffliche Beschreibungen für das, was er sich nicht erklären kann und bringt damit jeden Erwachsenen in Bedrängnis, der sich verpflichtet fühlt, stets und auf alles eine Antwort zu haben.
Das kann dabei herauskommen,  wenn ein vielfach preisgekrönter Literat sich als Kinderbuchautor betätigt. John Irving ist hiermit neben James Joyce der zweite seiner Art auf unserer Liste. Er schreibt, wie es erforderlich ist für sein Sujet und kümmert sich nicht um das, was Kinder angeblich brauchen oder gar was »kindgemäß« ist. Sein Maßstab ist einzig sein eigener künstlerischer Anspruch an eine gute, gut geschriebene Geschichte und die Einfühlung in die Erlebniswelt seiner Leserschaft. Auf diese Weise wird er ganz selbstverständlich auch seinen kindlichen Lesern gerecht. Solche Texte suchen wir.
Wir vergeben drei Trüffeln und erklären das Buch zu unserer dritten Quartalstrüffel 2017, obwohl wir an den handwerklich perfekten Illustrationen inhaltlich eine leise Kritik anbringen möchten. Die atmosphärischen Buntstiftzeichnungen von Tatjana Hauptmann erzählen John Irvings Geschichte absolut stilsicher weiter. Das erreicht sie auch dadurch, dass sie die Geschichte in einem amerikanischen Landhaus aus dem vergangenen Jahrhundert mit Holzfassade, Dielenboden und Webteppichen ansiedelt. Und genau das ist unser Kritikpunkt. Sie gibt punktgenau ein europäisches Amerikaklischee wieder und verschiebt damit die Ereignisse in eine ferne, verklärte Gegend und Zeit. Ein solcher nostalgischer Blick auf diese Geschichte (für eine deutsche Ausgabe aus dem Jahr 2003) nimmt ihr die direkte Wirkung.
Aber vielleicht ging es ja genau darum. Denn als Gutenachtgeschichte ist das Buch nicht geeignet. Daran ändern auch die beschriebenen Illustrationen nichts. Dennoch: die Bilder nehmen eine so empathische Perspektive ein,  sie sind erzählerisch so dicht, dass wir um die volle Punktzahl nicht herum kommen.

 

Herr Sauermann sucht seine Zähne

Dies ist ein pädagogisch äußerst wertvolles Kinderbuch… oder vielleicht doch nicht!
Es geht ums Ordnungmachen. Wobei sich die Frage aufdrängt: ist Ordnung denn überhaupt etwas, das man machen kann? Oder ist das nicht eher etwas, das ohnehin existiert und das man nur verstehen muss? Heißt es nicht, alles müsse seine Ordnung haben? Betonung liegt auf seine! Herr Sauermann jedenfalls macht nicht Ordnung, sondern Ordnungen. Er ordnet seine Sachen – seine sehr vielen Sachen – zum Beispiel nach Farben, nach Anfangsbuchstaben, nach Funktion, nach Form (irgendetwas Langes) oder nach Eigenschaft (sehr schwere Sachen). Alles fein säuberlich in Kartons verpackt und beschriftet. Und so hat alles seine(!) Ordnung. Wie es sich gehört.
Nur seine Zähne, die findet Herr Sauermann auf diese Weise nicht. Zum Glück erinnert seine Schwester ihn daran, doch einfach im Zahnschrank nachzusehen und siehe da… dort findet er neben allen anderen Zahndingen wie etwa der Bluetooth-Freisprechanlage, einer Säge, einem Zahnrad und zwei sehr alten Mammutzähnen auch seine eigenen Zähne. Womit bewiesen wäre: wer Ordnung hält, der kann etwas erzählen.
Beim Blättern in diesem etwas sehr großformatigen aber saukomischen Bilderbuch – oder besser gesagt, beim Wühlen in Alfred Sauermanns Kartons – entdeckt man die erstaunlichsten Gegenstände und stolpert über wahrhaft absonderliche Zuordnungen und Bezeichnungen. Zumindest der an konventionelle Ordnungen gewöhnte Erwachsene tut das. Ruby und Ada, denen dieses Buch gewidmet ist, haben damit wahrscheinlich weniger Probleme. Wenn man unter der Kategorie Familienporträts eine Türklingel findet, wirft das zwar die Frage auf, ob sie da denn hingehört. Aber nach kurzem, ernsthaften Philososphieren wird die Antwort sicher ein eindeutiges »Ja« sein und selbstverständlich kann eine Taschenlampe auch als Spinnenfinder bezeichnet werden. Doch, doch! Das alles folgt einer unwiderlegbaren, verblüffenden Logik. Eben nur nicht der gängigen.

Deshalb gehört dieses Buch von Jon und Tucker Nichols unbedingt in unser Regal! Aber wir vergeben nur zwei Trüffeln. Einmal, weil uns die Beschriftungen der abgebildeten Gegenstände in diesem gestalterisch sonst so anspruchsvollen Buch typografisch ziemlich nachlässig erscheinen und dann, weil an manchen Stellen bei der Übersetzung aus dem Amerikanischen unter dem Zwang zum Reim riesige Widersprüche zwischen Bild und Text entstehen: »Peas with cheese« ins Deutsche übersetzt reimt sich eben beim allerbesten Willen nicht. Und weil im vorliegenden Fall das Bild den Text diktiert, hilft »Mayonnaise mit Käse« nicht aus dem Dilemma. Hätten wir das Buch lektoriert, hätten wir zugunsten stimmiger Aussagen die Übersetzerin Kati Hertzsch von dieser unlösbaren Aufgabe befreit. Trotzdem! Dies ist eine eindeutige Kaufempfehlung für Herrn Sauermann. Erwähnenswert ist dabei auch der Schutzumschlag, der sich als beidseitig nutzbares Poster entpuppt und als tägliche Aufforderung zum Ordnungmachen sicherlich gute Dienste leistet!!!

Grododo

»Grododo« kommt von »gros dodo« ist lautmalerisch und französisch und könnte übersetzt werden in »Bubumachen«. Das ist auch lautmalerisch, deutsch und Kindersprache.

Der Verlag hat das in der deutschen Ausgabe vergnüglicherweise vermieden und den Originaltitel für deutsche Leser als Rätsel stehen lassen. Vergnüglicherweise, denn wie wir schon einmal festgestellt haben, »o« ist einfach komisch und dreifach noch komischer. Und weil das Wort so schön lautmalerisch ist und uns auf der ersten Bildseite dieses Buches aus einem Grammophon entgegenquäkt, enträtseln wir es hiermit als »Geräusch« oder besser »Gorosch«.
Besagtes Grammophon gehört neben Schneebesen, Kaktus, Rollschuhen und Glühbirne zum Hausrat eines Hasen namens Cäsar. Hasen als Protagonisten sind in Kinderbüchern ja zunächst nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist aber, dass wir das Buch als trüffelwürdig erachten. Bücher, deren Hauptfiguren Hasen sind, fallen in den meisten Fällen bei uns durch, denn sie funktionieren fast alle nach dem Schema: Hase = niedlich = kindgerecht.
An diese Formel glauben wir nicht und in diesem Buch mit dem merkwürdigen Titel ist sie auch sehr überzeugend widerlegt. Dieser Hase ist alles andere als niedlich. Er erinnert wohl eher an den schrulligen alten Herrn, der ein paar Häuser weiter allein in seiner Wohnung lebt, der selten auf der Straße zu sehen ist, noch seltener mit jemandem spricht und nie Besuch erhält. Er verlässt das Haus immer um die gleiche Zeit. Das Licht in seinem Wohnzimmer geht immer um die gleiche Zeit aus. Und nicht zu vergessen: er ist äußerst geräuschempfindlich.
Kein Wort hiervon steht in diesem Buch und doch drängt sich durch die Ausstattung von Herrn Caesars Haushalt (siehe das Grammophon) und die Beschreibung seiner Zubettgehrituale solche Assoziation auf. Und so wundert es auch nicht, dass Herr Cäsar, wie wir es von einem grummeligen älteren Herrn erwarten, energisch um »Ruuuuheeee!!!!« bittet. Aber nachdem er mehrfach in seiner Nachtruhe gestört wurde, ist das ja durchaus zu verzeihen.

Hier bekommt das Wort »lautmalerisch« übrigens eine neue Bedeutung. Kris Di Giacomo, die Illustratorin des Buches und Raumaustatterin von Herrn Cäsars Haus, malt tatsächlich sehr laute Worte in ihre dramatischen Bilder. Manchmal für unseren Geschmack ein bisschen zu laut. Aber womöglich sind wir selbst auch zu goroschempfindlich. Ansonsten gefällt uns der Einfallsreichtum, mit dem sie Michaël Escoffiers Geschichte auf jeder Seite ein Stückchen weitererzählt, nämlich außerordentlich gut. Eine Geschichte, die schließlich doch nicht so gradlinig verläuft, wie man annehmen möchte. Obwohl er so garnicht plüschig ist, hat dieser Hase doch sehr liebenswürdige Seiten – menschliche nämlich. Dass ihm bei der mehrfachen Wiederholung des Zubettgehrituals die seltsamsten Fehler unterlaufen ist nicht verwunderlich; aber wer würde vermuten, dass der grummelige Eigenbrötler Cäsar seinen Teddy heiß und innig liebt und fürchtet, unterm Bett könnten Monster lauern?

In diesem Buch ist das Absonderliche so alltäglich wie das Alltägliche absonderlich ist. Da ist man am Ende noch lange nicht am Ende. Mit einem Mal Durchblättern ist das nicht getan.

Zwei dicke Trüffeln!

Überall und nirgends

Es fällt uns ja immer schwer, Altersangaben zu machen zu den Büchern, die wir hier vorstellen.

Denn vordergründig geht es bei solcher Einordnung zwar um die Frage, was können, sollen, dürfen wir Erwachsene den Kindern zumuten – und das, obwohl wir ihnen tagtäglich diese ganze Welt zumuten. Genau betrachtet dient sie aber doch vor allem dazu, uns – eben jene Erwachsene – vor der Zumutung unbeantwortbarer Fragen zu schützen. Man lese dazu gerne den Beitrag von Prof. Jens Thiele, Bilderbuchforscher, auf dieser Seite: »Gedanken«.
Wegen solcher Gedanken steht dieses Buch bei uns im Regal ab 0 und wir richten hier gleich noch ein weiteres ein, das Regal bis unendlich. Paradox, denn in diesem grandios illustrierten Gedichtband geht es um eine einzige, ultimative Zumutung für jedes Alter: den Tod. Und das Buch steht auf unserer Liste, weil es sich dieser Zumutung so unbefangen nähert. Weil es so humorvoll und furchtlos auch Tabus verletzt: Über Tote nichts Schlechtes? Wieso eigentlich! Da ist zum Beispiel Tante Ann. Sie sitzt vor der Urne ihres verstorbenen Mannes und seinem grimmig dreinblickenden Konterfei. Sieh einer an, sagt sie, mein toter Jan. Sie isst ein Butterbrot und trinkt (wahrscheinlich etwas zu viel) und sie ist erleichtert. Denn sie weiß, ihr Haustyrann steht im Regal. Für immer!

Diese Texte nehmen niemals eine wissende Haltung ein, wollen nirgendwo überzeugen, nicht einmal trösten. Und doch kann es trösten und helfen, darin zu lesen. Das Buch ist eine Annäherung an das Unbegreifliche. Ans Sterben, Totsein, Trauern, ans Fürchten, Zweifeln, Vermissen. Es erzählt aber auch vom Überleben, vom Erben und  – vom Feiern. So viel zum Inhalt.

Und die Form? Wie schon gesagt, wir sind begeistert von den ganzflächigen Illustrationen. Sylvia Weve arbeitet mit den unterschiedlichsten Techniken – Scherenschnitt oder Strichzeichnung stehen neben Aquarell oder Frottage und doch hat das ganze perfekt durchkomponierte Buch einen sehr charakteristischen einheitlichen Stil.

Und dann haben sich die Gestalter noch einen besonderen Kniff ausgedacht: Immer wieder stößt man beim Umblättern auf halbe oder Viertelseiten. So ergeben sich beim Umblättern überraschende, verblüffende Zusammenhänge, Quer- und Rückbezüge der Texte und Bilder zueinander. Und noch etwas: dieses Buch nimmt man wirklich gerne zur Hand. Schönes, griffiges Papier, ein ungewöhnliches, aber angenehmes Format und es riecht gut! Das macht Freude, bevor man eine Zeile gelesen hat. Wie empfehlen aber dringend, es doch zu tun. Zum Glück gibt es drei (!) Lesebändchen. Und von uns für jedes eine Trüffel.

Prinz Bummelletzter

So viel vorweg: Das ist ein Buch nach unserem Geschmack.

Es ist voller Humor, kümmert sich nicht um irgendeine Botschaft und trägt doch eine ganz elementare in sich: Es lebe die Langsamkeit! Der Text erzählt das so frisch und frei, als kämen der Autorin die Worte gerade jetzt in den Sinn – jetzt, wo wir sie lesen. Und weil hier Text und Illustration aus derselben Hand stammen, gilt auch folgendes: Sybille Hein zeichnet, aquarelliert, kollagiert so frisch und frei, als flössen ihr die Situationen und Gestalten gerade jetzt aus der Hand – jetzt, wo wir sie betrachten. Das ist allergrößtes Vergnügen.
Aber warum das Buch in erster Linie bei uns im Regal steht, ist das, wovon es handelt: vom unschätzbaren Wert von Langsamkeit und genüsslicher Bummelei. Wie schön! Gibt es ein besseres Sujet für ein Kinderbuch? So erobert der Prinz auf diese Weise sogar die Prinzessin. Und das Schönste: Sybille Hein behandelt es im Text ebenso wie im Bild ganz ohne philosophische oder gar pädagogische Ambition aus lauter Lust am Fabulieren, Formulieren und Übertreiben. Nicht umsonst haben wir auf Denkpulver eine Abteilung mit Büchern von der Zeit und wir freuen uns, dass wir diese Abteilung jetzt erweitern können.

Aufgrund dieser Lobeshymne müssten jetzt eigentlich drei Trüffeln folgen … müßten! Aber bei diesem Buch tut es uns fast selber leid, dass wir so pingelig sind. Es ist künstlerisch großartig, technisch/handwerklich leider nicht. Da sind immer wieder Füße oder Krönchen der wunderbar kuriosen Figuren, die sich gerne ganz am Seitenrand des Buches aufhalten, dem Beschnitt zum Opfer gefallen. Ganz sicher wird das den lesenden Kindern das Vergnügen nicht schmälern, aber: »Das fällt doch keinem auf!» gilt nicht als Argument. Wir hatten zwei Exemplare vorliegen und leider fand sich dieser Fehler bei beiden. Besonders ein so schön konzipiertes Buch hat mehr Sorgfalt in der Herstellung verdient.
Deshalb gibt’s nur zwei Trüffeln. Aber die mit Überzeugung.

Lisa, Paul und Frau Fisch

In welche Schublade passt wohl diese rätselhafte Geschichte?
Alltag und Familie? Ja! Kindliche Gefühlswelt? Auch ja!
Märchen und Phantasie? Auch ja!

Also der Reihe nach: Kategorie Familienalltag: »Lisa ist ein Einzelkind. Sie hat es schön mit ihrer Mama und ihrem Papa. Plötzlich aber erlebt sie höchst seltsame Dinge und Mama erwartet doch noch ein Kind.« So heißt es im Klappentext. Passt, oder?
Kindliche Gefühlswelt: »Lisa kommt von der Schule nach Hause. Mama ist nicht da. Seltsam, denkt Lisa. Mama ist sonst immer da.« So beginnt das Buch. Passt also auch.
Oder doch Märchen und Phantasie? »Sie (Lisa und Frau Fisch) schnorcheln nicht nur, sie tauchen. Das geht ganz mühelos, denn nun sind sie beide Meerjungfrauen. Anstelle der Beine haben sie einen Fischschwanz.« So heißt es im letzten Kapitel kurz vor der erwarteten Auflösung des Rätsels. Passt also ebenfalls.
Aber eine solche Auflösung verweigert uns die Autorin. Sie lässt all die Merkwürdigkeiten, die Lisa erlebt, einfach so stehen. Und die Merkwürdigkeiten sind zahlreich in dieser Geschichte. Zum Beispiel diese Frau Fisch (im richtigen Leben Lisas Lehrerin und in Lisas Wahrheit außerdem Ärztin, Schutzengel oder eben Meerjungfrau) sie ist immer dann zur Stelle, wenn Lisa sich mit einem Problem allein sieht. Das könnte man tiefenpsychologisch deuten. Der Eingangssatz des Klappentextes legt das nahe.
Aber der Text innerhalb der Buchdeckel kümmert sich nicht um Literaturgattungen. Im nächsten Moment bewegt sich die Geschichte auf eine ganz andere, phantastische Ebene und verweigert sich damit allen Erklärungsversuchen. Lisa erlebt auf ihren Ausflügen mit und ohne Frau Fisch Dinge, die sich eigentlich erst viel später in der Geschichte ereignen. Sind das Phantasien, ist es Wunschdenken? Brigitte Schärs Text verweigert sich selbstbewußt auch solchen psychologischen Deutungen. Nennen wir es also vorweggenommene Wahrheiten.
Die Autorin erzählt von Bild zu Bild ohne Rückversicherung ob Kindern das zuzumuten sei und deshalb gibt es am (guten!) Ende eben auch keine Auflösung. Das Rätsel bleibt und die Frage nach der passenden Schublade auch. Das gefällt uns. So sehr, dass wir fast zwei Trüffeln verliehen hätten, denn das ist mutig und wichtig.
Aber wir vergeben Trüffeln nicht nur für eine Geschichte, einen Text, wir vergeben sie für Bücher.  Und da finden wir es sehr schade, dass der Illustrator das Angebot der Autorin, sich zwischen den Realitäten zu bewegen, nicht annimmt. Jens Rassmus’ Tuschzeichnungen zeigen stimmige, lebendige Charaktere und Situationen aber sie erzählen so streng am Plot entlang, dass sie keine andere Ebene und folglich auch kein Rätsel zulassen. Damit ist in unseren Augen nicht nur eine Chance vertan. Es entzaubert das Leseerlebnis. Aber trotzdem! Eine Trüffel hat das Buch allemal verdient.

Lift

Ein mehrstöckiges Wohnhaus, seine Bewohner, ein Lift.

Das sind die sparsamen Elemente aus denen dieses Buch besteht und aus denen Kätlin Vainola und nicht zuletzt die Illustratorin Ulla Saar jede Menge Erzählstoff entwickeln. Wer erzählt? Lift, natürlich! Denn der erfährt Dinge, von denen alle seine Benutzer glauben und hoffen, dass niemand sie erfährt. Hinter den geschlossenen Lifttüren fühlen sie sich alle unbeobachtet. Aber Lift bekommt alles mit und bietet uns so vergnügliche Einblicke, dass man selbst gerne einmal seine Aufgabe in einem solchen Panoptikum Mietshaus übernehmen möchte. Eine Welt, in der man ja zwangsläufig mit den Eigenheiten seiner Mitbewohner konfrontiert ist und hin und wieder unfreiwillige Einblicke in die intimeren Winkel ihrer Existenz erhält. So z.B. den Inhalt von Frau Oktopus’ Wäscheschrank. Ihre naturgemäß sehr umfangreiche Strumpfsammlung, hängt sie auf dem Dach des Hauses übrigens neben etlichen Speisefischen zum Trocknen auf.  Hier gibt’s leider einen Pingelpunkt für die Illustratorin. Denn auf dem Dach des Hauses, so wie sie es gezeichnet hat, gibt es keinen geeigneten Platz zum Wäschetrocknen. Kinder bemerken solche bedauerlichen und vermeidbaren Fehler spätestens beim dritten Durchblättern. Aber abgesehen davon mögen wir Ulla Saars Illustrationen sehr. Sie sind voller Witz und Ironie. Sie versteckt überall kleine Ungereimtheiten und charakterisiert ihre Figuren – wohlgemerkt lauter Tiergestalten – wie eine gute Kostümbildnerin über allseits bekannte Versatzstücke der Textilindustrie. So schafft so sie verblüffende Wiedererkennungeffekte. Alle diese Typen sind dem Leser vertraut und so oder so ähnlich in jedem Haus vertreten.

Ist das eine Aufforderung zum Spott über Mitmenschen? Ja! …ähh… nein, natürlich nicht! Schließlich haben wir es hier mit Oktopus, Eichhörnchen, Giraffe, Känguruh, Igel und Taube zu tun. Verwechslungen mit lebenden Vertretern des Homo Sapiens sind rein zufällig möglich. Z.B. Herr Känguruh, die olle Sportskanone, der mit seiner überschüssigen Energie die Aufzugtechnik an ihre Grenzen bringt. Oder der schüchterne Herr Giraffe, der aufgrund seiner Körpergröße und die daraus resultierenden Komplikationen das Gefährt im wahrsten Sinne geknickt verlässt. Dieses Buch ist ein großes Vergnügen für alle Kinder, die in solch einem Haus leben, ob mit oder ohne Lift. Und  alle, die ein derartiges Biotop nur als Liftbenutzer kennen, erfahren hier, was ihnen entgeht.

Dieser Spaß ist uns zwei Trüffeln wert. Eine, weil uns diese Geschichte so gut gefällt und eine, weil das Buch so schön gemacht ist. Es riecht gut, ist gut zu blättern und das Papier ist angenehm fest und rau. Aber eben nur zwei, siehe Pingelpunkt oben.
Aber zwei Trüffeln sind allemal Grund genug, das Buch immer wieder in die Hand zu nehmen.

Ein Bär namens Sonntag

Kinderbücher übers Liebhaben gibt es zuhauf. Allesamt sind sie poetisch, zauberhaft, warmherzig undsoweiter und alle handeln sie von Hasen, Bären oder anderen Pelzigen. Dieses auch. Und auch der Verlag Antje Kunstmann preist seines auf dem Buchdeckel als eine »poetische Geschichte« an, »von Michael Sowa zauberhaft ins Bild gesetzt.« Das ist nicht unbedingt falsch und sicher hilfreich wenn es darum geht, Menschen zum Kauf des Buches zu bewegen. Andererseits aber führt diese Aussage den Käufer – der ja mitunter auch Leser von Kinderbuchrezensionen ist – auf die falsche Fährte weil hier das gleiche Vokabular benutzt wird, wie bei der Flut von süßlicher Kuscheltierliteratur, die sich so gerne unter dem Poesie-Label anbietet. Wer hier deshalb solches vermutet, wird enttäuscht sein. Dieses Buch ist anders und genau deshalb steht es bei uns im Regal.
Es handelt zwar auch von einem kleinen Jungen, seiner Liebe zu einem kuscheligen Bären und der großen Frage, ob diese Liebe denn auch erwidert wird. Und bis dahin könnte man es ohne Weiteres in der beschriebenen Kitschschublade vermuten. Aber Axel Hacke behandelt diese elementare Frage mit größter Ernsthaftigkeit, ganz viel Witz und einer genial überraschenden Wendung. Und – und das gefällt uns besonders gut – er lässt sie offen, aber nicht unbeantwortet. Das ist wirklich poetisch.
Und was ist mit den zauberhaften Illustrationen? Michael Sowa sucht sich die besonders abseitigen Situationen in Axel Hackes Geschichte aus, um sie zu bebildern. Davon gibt es reichlich und das ist zauberhaft in dem Sinne, als man nach dem ersten Durchblättern von Bild zu Bild mit lauter Fragezeichen im Kopf zu lesen beginnt und ganz erstaunt ist darüber, wie ›normal‹ diese Geschichte beginnt. Und dann enträtseln sich die Bilder mit dem sowatypischen surrealistischen Touch eins nach dem anderen mit jedem Abschnitt der Geschichte. Am Ende haben wir den kleinen Jungen durch seinen Traum begleitet als wär’s unser eigener gewesen – ein Zauber.
Also stimmt er doch, der Klappentext. Aber eben anders.
So wünschen wir uns Kinderliteratur. Wir vergeben zwei Trüffeln. Aber nur zwei, weil im Buchhandel inzwischen nur noch die kleinformatige Ausgabe erhältlich ist. Für selbständig lesende Kinder, für die wir das Buch hier empfehlen möchten, nicht sehr attraktiv.

Der Besuch

Dieses Bilderbuch steht vor allem deshalb bei uns im Regal, weil Antje Damm hier den gewohnten Rahmen der Kinderbuchillustration einmal verlässt. Wer unsere Rezension zu »Wutz, Butz und Papa Bär« von Ruth Feile gelesen hat, kennt diesen Satz. Weil solches aber so selten geschieht, wiederholen wir ihn hier gerne und genüsslich. Antje Damm gelingt es, dem Betrachter ein echtes Raumerlebnis zu bereiten. Und zwar ohne drucktechnische oder optische Tricks oder Hilfsmittel. Hier hat man ein ganz normales Bilderbuch in Händen zum ganz normalen Blättern. Nein, nicht ganz normal. Schon mit dem Buchdeckel öffnet man die dort abgebildete Tür und betritt eine Puppenstube.  Ein Papiertheater, ausgestattet mit Pappmöbeln und geheimnisvoll beleuchtet. Dramaturgisch klug fotografiert, führt die Kamera durch diese in Worten schnell erzählte Geschichte (Einsame, alte Frau erhält überraschend Besuch von einem ihr unbekannten kleinen Jungen, der ihre triste graue Welt durch seine vorbehaltlose Neugier farbig und fröhlich werden lässt und ihre Angst vertreibt). Aber dann sind da eben diese Bilder und die sind nicht schnell erzählt. Mit diesem Buch kann man sehr viel Zeit verbringen. Antje Damm schafft durch ihre Technik eine verblüffend vielschichtige Bilderzählung. Sie erzeugt eine fesselnde Illusion und macht aus dem Betrachten der Bilder ein geradezu theatralisches Ereignis.
Wir geben begeistert drei Trüffeln!

Wutz, Butz, und Papa Bär

Dieses Buch ist eine kleine Sensation. Es steckt voller Einfälle und erzählt doch eine unsagbar gewöhnliche Geschichte, den unspektakulären Tagesablauf einer Kleinfamilie. Mama Schwein namens Wutz, Papa Bär namens Papa Bär, und Bärchen Butz stehen morgens auf, verrichten ihr jeweiliges Tagewerk und gehen abends schlafen. Bis auf die seltsame Familienkonstellation nicht gerade aufregend. Aber dann werden ganz nebenbei lauter kleine Ungereimtheiten eines Familienalltags erzählt, wie sie jeder aus dem eigenen Leben kennt – naja fast jeder! Zum Beispiel die Szene wo Papa Bär nackig rosa unter der Dusche steht – er föhnt sich nicht so gern! Sein brauner Pelz hängt derweil am Kleiderbügel und irgendwie kann man in dem Moment verstehen, was Mama Wutz bewogen haben mag, Tisch und Bett mit ihm zu teilen.  »Vielleicht ist das aber auch Quatsch.« kommentiert der Text sich auf der folgenden Seite selbst. So etwas mögen wir.
Aber diese Kinderbuchempfehlung sprechen wir in erster Linie deshalb aus, weil hier eine Illustratorin mit ihrer Technik den gewohnten Rahmen Kinderbuchillustration einmal verlässt.* Ihre genähten, gestickten, mit Applikationen versehenen Stoffbilder sind auch ohne den wunderbar lapidaren Text ein Genuss. Wir sind voller echter Bewunderung für solchen Einfallsreichtum, soviel Witz und – man mag es kaum aussprechen – den unglaublichen Fleiß, mit dem Ruth Feile diese simple Alltagsgeschichte bebildert. Sie verwendet Materialien mit unterschiedlichen Texturen (Frottee, Satin, Plüsch), stickt zum Beispiel den besagten Kleiderbügel kurzerhand auf den Frotteehintergrund bringt Perlen, Spitzen oder Glöckchen an und schafft so eine verblüffende Dreidimensionalität. Was für ein Einfall! Wir würden am liebsten drei Trüffeln vergeben. Aber bei so großartigen Werken sind wir besonders pingelig. Deshalb geht ein kleiner Pingelpunkt an die Fotografin Cornelia Büschbell: etwas mehr Licht und Farbbrillanz hätten diese Bilder verdient.
Also sagen wir 2,7 Trüffeln und eine dicke Kaufempfehlung!
*So geht es uns übrigens auch mit dem Buch »Der Besuch« von Antje Damm.

Anton hat Zeit. Aber keine Ahnung warum

Diese Rezension zu lesen dauert ungefähr so lange, wie 46 mal auf die Uhr zu schauen.
Oh diese große, uralte Frage: was ist Zeit? Gibt es nach Michael Ende und Momo dazu überhaupt noch etwas zu sagen? Ja, gibt es! Und vor allem kann man es in einer vollkommen anderen Sprache tun. Meike Haberstock bietet uns nämlich in ihrem Buch auf lustvolle Weise einen Einblick in das Zeitempfinden eines Kindes ohne es relativierend einer erwachsenen Sicht gegenüber zu stellen. Da stellen sich manche Fragen auf einmal ganz anders und deshalb ist diese Lektüre so genußvoll. Wir erleben den Alltag von Anton und seiner ewig gestressten Mutter konsequent in Antons Zeitmaß, vorgegeben durch die originellen Kapitelüberschriften oder besser gesagt Gebrauchsanweisungen, und folgen somit unwillkürlich seiner unwiderlegbaren Logik.
So entsteht auf ganz unmittelbare Weise eine Komik, die Meike Haberstock dann leider in ihren Illustrationen  manchmal zu erzwingen versucht. (erster Pingelpunkt). Da gibt es etliche verblüffende Einfälle, wie die sprechende Telefonschnur, die unserer Gastleserin besonders gut gefallen hat, aber die stets übertrieben aufgerissenen Augen in den Gesichtern wirken sehr stereotyp. Übertreibung und Überzeichnung finden wir zwar als Stilmittel durchaus legitim aber hier fehlt uns einfach Bewegung oder Bewegtheit in den Physiognomien.
Der zweite Pingelpunkt geht wieder an die Autorin: wir haben den Eindruck, sie hat beim Schreiben ihrer eigenen Idee nicht ganz getraut. Als hätte sie sich gezwungen gefühlt, diese treffliche Geschichte mit immer noch einem und noch einem Kapitel beweisen zu müssen. So tritt die Erzählung ungefähr ab der Mitte auffällig auf der Stelle und läßt bei unserer Gastleserin den Eindruck entstehen, alle Erwachsenen in diesem Buch sind immer, grundsätzlich und von vornherein gestresst, was auf die Dauer unglaubwürdig ist.
Aber weil uns allen dreien die Idee und der Schreibstil von Meike Haberstock so gut gefällt, empfehlen wir das Buch gerne. Humor zählt schließlich auch.

Die Wörter fliegen

Dieses Buch ist eine erfreuliche Ausnahme unter den derzeit in Vielzahl erscheinenden Büchern zum Thema Demenz.

Eigentlich mögen wir solche »Problemliteratur« nicht besonders. Aber hier geht einmal eine Autorin mit dem Thema um, ohne daß das Mit-dem-Thema-umgehen zum Inhalt des Buches wird. Jutta Treiber erzählt ganz ohne Betroffenheitsgeste. Das finden wir sehr erfrischend, vor allem weil es so ungewöhnlich ist. Sie führt mit großer Selbstverständlichkeit ganz unaufgeregt, sehr langsam und behutsam in die Vergessenswelt. Und der Illustratorin Anna Prieler gelingt mit ihren transparenten Bildern das Kunststück, dieses oft beschriebene allmähliche Verschwinden der Begriffswelt auf verblüffende Weise fassbar zu machen. Omas Haus, die Gegenstände, das Interieur, Omas gesamte Umgebung sind nur noch silhouettenhaft vorhanden und vermischen sich mit durchscheinenden Erinnerungsbildern aus Omas Gedankenwelt. Sie wirken fast wie Allegorien. Lediglich die handelnden Figuren Pia und ihre Oma sind körperlich real dargestellt, bewegen sich durch diese entschwindende Realität. Das ist wirklich sehr gelungen. Trotzdem geben wir nur 2 Punkte, weil Pia und Oma uns ein wenig steif und unlebendig entgegenschauen. Sie wirken uncharmant und sind uns nicht wirklich sympathisch, wo sie es doch eigentlich sein sollten. Wir sind halt auch subjektiv.

Hund

Das ist wirklich ein ziemlich bunter Hund, den die gleichnamige Edition da herausgebracht hat, zumal es gar kein Hund ist, der eines Nachts in Moritz Kleiderschrank randaliert, sondern ein Gürteltier. Dabei hatte Moritz alles unternommen, damit sein Wunsch nach am liebsten einem Golden Retriever gehört wurde. Dazu kommt, »Gürti« ist auch kein freundlicher, flauschiger Spielkamerad, sondern ziemlich unverschämt und sehr verfressen. Aber jetzt ist er eben da und fordert so viel Aufmerksamkeit (und Gürtel – logisch!), daß er zum Problem wird. Diese wunderbar einfach erzählte, ehrliche Geschichte hebt sich sehr positiv von den üblichen JungewünschtsichHund-Geschichten ab. Unsentimental und mit skurrilem Humor schildert die Autorin das Dilemma mit den Haustieren und streift ganz nebenbei noch äußerst leichtfüßig das Phänomen der imaginären Freunde bei Kindern. Das alles, ohne zu psychologisieren – sehr schön. Genauso schwungvoll und komisch sind die einfallsreich platzierten skizzenhaften Zeichnungen von Miriam Zedelius. und unsere Gastleserin ergänzt: Die Illustration lässt genau wie die Geschichte genug Raum zum Weiter- und Mitphantasieren, wunderbar! Typografisch solide gemacht, gut lesbar, leider schwer zu blättern. Ziemlich befremdlich erscheint uns das goldene Vorsatzpapier, das so garnicht zum Grundton und der gesamten Gestaltung des Buches passt. Das Schwein gibt 2 Trüffel.

Mitreden und
kommunizieren

Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190)