Veronika Schuchter

Das Kinderbuch in der Literaturkritik.  Eine Stiefkindgeschichte

Im schlimmsten Fall ignoriert, bestenfalls »auf spezielle Seiten oder in entsprechende Beilagen verbannt« (Neuhaus 2004, S. 80), die nur zu oft kommerziellen Zwecken, sprich der Ankurbelung des Weihnachtsgeschäfts dienen, führt das Kinderbuch im Feuilleton und dort ganz besonders in der Literaturkritik ein ungeliebtes Stiefkinddasein.

Das Gros der Neuerscheinungen wird von den Kritikern keines Blickes gewürdigt, nur dann und wann lässt sich ein Rezensent dazu herab, doch etwas zu einem Kinderbuch zu sagen, meist jede sich bietende Möglichkeit ergreifend, eine unauffällige Bemerkung über den eigenen Nachwuchs fallen zu lassen und so die Beschäftigung mit der offenbar als wenig prestigeträchtig erachteten Literatur unverlangterweise zu legitimieren. Da heißt es zum Beispiel: »Eltern, deren Kinder lieber Handlungssträngen folgen, seien gewarnt. Finger weg! Ihrem Kind wird wahrscheinlich langweilig. Zu Hause war es ähnlich. Während Papa und Mama begeistert das Buch durchblättern, tat sich die Tochter schwer.« (Mayer 17.10.2009). Dem gleichen Zweck dient es wohl, die eigenen, ›erwachsenen‹ Interessen zu erwähnen: »An dieser Stelle muss ein kleiner Einschub erlaubt sein: Grün ist per se toll – vor allem wenn man an Fußball denkt. Wie auch immer.« (Mayer 31.10.2009). Der Autor will damit offensichtlich die Begeisterung für den Fußballclub Rapid ausdrücken, was das mit dem Buch zu tun hat, bleibt allerdings ein Rätsel.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Gemeint ist nicht die Literaturkritik im weitesten Sinne, so wie sie Dolle-Weinkauff und Ewers fassen und dabei »keinen Mangel« an »Theoretisierungen des Gegenstandes« konstatieren können (vgl. Dolle-Weinkauff/Ewers 1996, S. 6). Die dabei miteinbezogene Kinderbuchforschung ist in der Tat gut aufgestellt. Auch spezielle Seiten im Internet liefern Rezensionen zuhauf. Im Vergleich mit der ›Erwachsenenliteratur‹ ist dies dennoch wenig. Entlarvend ist nicht nur die Quantität von Beiträgen, sondern vielmehr die Separierung der Kinderbuchkritik aus dem allgemeinen Wertungsdiskurs, wodurch eine implizite Abwertung von Kinderbüchern deutlich und gleichzeitig der Umstand verkannt wird, dass Literatur für Kinder und ihre Bewertung eben nicht nur für Eltern interessant sein sollte, sondern von gesellschaftlicher Relevanz ist.

Dass das Kinderbuch zu den Marginalien der Kritik zählt, ist die logische Konsequenz, die dem generellen Sonderstatus von Kinder- und Jugendbüchern im Literaturbetrieb zu verdanken ist. Ähnliches trifft auf die Unterhaltungsliteratur zu, denn was rezensiert wird, hat nichts mit dem ökonomischen Stellenwert als Indikator für das, was tatsächlich gelesen wird, zu tun, sondern mit dem Prestige der potenziellen Leser, welches auf den Kritiker abfärben soll. Unterhaltungs- und Kindbuchliteratur sind damit schon fast aus dem Rennen, haftet an ihren Zielgruppen doch das Etikett des Defizitären.

Wird dann doch mal rezensiert, bleibt die ästhetische Qualität des besprochenen Textes völlig im Dunkeln, stattdessen wird mit dem pädagogisch-didaktischen Rohrstock der Moral und der Political Correctness hantiert. Der Status eines autonomen Kunstwerks wird einem Kinderbuch nicht zugestanden. Dabei wird offenbar übersehen, dass gerade bei Literatur, die so bewusst auf ihre Leser zugeschnitten sein muss wie die Kinder- und Jugendbuchliteratur, ein Zusammenspiel von Textproduktion und Kritik den ästhetischen Standard heben könnte. So könnte die Aufwertung des Formalen durch die Kritik die Konzentration der Autoren vermehrt auf diesen Aspekt ihrer Texte lenken, freilich ohne dabei eine Abwertung des Sujets anzustoßen. Solange das Kinderbuch in der Literaturkritik marginalisiert bleibt, gibt es jedoch nur wenig Anreiz zu einer stilistischen Verbesserung, soweit diese nicht sowieso dem Bemühen des Autors selbst entspringt. Und noch etwas wird übersehen: Der von Rezensentenseite so favorisierte pädagogische Ansatz, den Kinderbuchliteratur hat und haben sollte, schließt den ästhetischen Wert der Texte mit ein, ob von den Autoren beabsichtigt oder nicht. Ästhetisch anspruchslose Texte schaffen auf Dauer ästhetisch anspruchslose Leser. Es ist kein Zufall, dass die großen Klassiker der Kinderbuchliteratur, zumindest der von Erwachsenen gebildete Kanon, sich fast ausschließlich aus Texten zusammensetzt, die sich stilistisch vom ›gewöhnlichen‹ Kinderbuch abheben und von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen gelesen werden, oder sogar in erster Linie für Letztere geschrieben wurden, man denke an Jonathan Swifts Gullivers Reisen oder Lewis Carrols Alice im Wunderland. Ein Kanon des Kinderbuches, das tatsächlich nur von Kindern gelesen wird, konnte sich hingegen noch nicht so recht etablieren.

Nun verstehen sich die ohnehin schon spärlich gesäten Rezensionen großteils als Lese- bzw. Kaufempfehlung, ohne tatsächlich Kritik zu betreiben. Zwar ist es zweifellos positiv zu werten, dass potenziellen Käufern, sprich Eltern und anderen Konsumenten (im ökonomischen Sinn) von Kinderbüchern, Tipps gegeben werden. Die Möglichkeiten der Literaturkritik werden so aber nicht ausgeschöpft. Dass der große MRR das Kinderbuch demnächst für sich entdeckt, steht nicht zu befürchten, nichtsdestotrotz würde etwas Schärfe nicht schaden. Doch je mehr Rezensionen man liest, umso stärker wird der Eindruck, dass Verrisse einfach nicht vorgesehen sind. Die Scheu der Kritiker vor dem Verriss ist verständlich, besteht doch die Gefahr, dass ein Werturteil fälschlicherweise nicht nur auf den Text, sondern auch auf seine Leser übertragen wird; da gibt man sich doch lieber gönnerhaft. Gleichzeitig ist diese unsichtbare Grenze kontraproduktiv, denn wieso sollte ausgerechnet die mangelhafte Qualität dessen, was den Kindern als unerfahrenen Lesern vorgesetzt wird, nicht beanstandet werden? Gerade Kinderbücher sollten streng kritisiert werden, sind sie es doch, die am Beginn der Lesesozialisation stehen, und während man von erwachsenen Lesern genug Mündigkeit erwarten können sollte, selbst ein Urteil zu fällen, kann man das vom kindlichen Leser nicht. Der Einwand, es gebe zu wenig Platz für Kinderbücher, um ihn für schlechte Texte zu verschwenden, klingt plausibel, verkennt aber die Funktion von Kritiken. Ein Verriss ist keine Verschwendung. Welches Buch man lieber nicht kaufen/lesen sollte, ist als Information genauso wichtig wie eine Leseempfehlung. Der Gedankengang entspringt einem Verständnis, das Kritik mit Pädagogik gleichsetzt, und ignoriert dabei, dass Rezensionen einen Eigenwert haben. Ein Eigenwert, der weder an der Qualität des besprochenen Textes noch am Zielpublikum festgemacht werden kann. Und doch wird immer wieder der Versuch unternommen, den eigenen Wert durch die Verknüpfung mit großen Namen und anspruchsvollen, wenn auch kaum gelesenen, Texten zu potenzieren. Dazu eignet sich das Kinderbuch naturgemäß nicht, außer es handelt sich zufälligerweise um eines von Silvia Plath (vgl. Howald 1996). Gerne rezensiert werden auch Bearbeitungen von kanonisierten Texten für Kinder, denn so wird das eigene Interesse an der Weltliteratur doch noch deutlich (vgl. mar 2009).

Wir halten fest: Das auffallendste Merkmal der Rezension im Bereich des Kinderbuches ist ihr exotischer Charakter. Um Platz zwei streiten sich die Vernachlässigung ästhetischer Maßstäbe und der Legitimierungszwang der Kritiker. Vom Motto »Du bist, was du liest« bis zu »Du bist, was du rezensierst« ist es nur ein kleiner Schritt, der dem Ego des selbstdarstellerischen Kritikers gar nicht gut bekommt. So hat leider Erich Kästners pessimistische Einschätzung über fünf Jahrzehnte nicht an Gültigkeit verloren: »Vielleicht kümmert sich die Jugend zu wenig um die Literatur. Bestimmt aber kümmert sich die Literatur zu wenig um die Jugend.« (Kästner 1953). Das Argument, dass Kinder selbst ja keine Rezensionen lesen, greift nicht, abgesehen davon, dass man dies auch als Anstoß nehmen könnte, kindergerechte Rezensionen zu verfassen. Der kritische Umgang mit Kinderbüchern sollte vielmehr ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Wichtigkeit von guter Literatur für die jüngsten Lesegenerationen schaffen und zwar gerade nicht nur dafür, was gut ist, sondern auch für das, was nicht so gut ist.

Nicht nur das Kinderbuch hat eine Aufwertung im Literaturbetrieb verdient, auch für die Kritik selbst kann eine Erweiterung des eigenen Spektrums nur ein Gewinn sein. Es birgt nicht zuletzt die Möglichkeit, auf Qualität zu setzen, die eigene Kompetenz zu beweisen, statt auf der Jagd nach prestigeträchtigen Büchern und Themen zu sein, an deren Ruhm man sich anhängt, oder die dazu dienen, sich selbst zu inszenieren, indem man das ohnehin schon Anspruchsvolle wieder einmal bemängelt.

www.uibk.ac.at/literaturkritik

Zitierte Literatur:

Dolle-Weinkauff/Ewers 1996
Bernd Dolle-Weinkauff, Hans-Heino Ewers (Hg.): Theorien der Jugendlektüre. Beiträge zur Kinder- und Jugendliteraturkritik seit Heinrich Wolgast. Weinheim, München: Juventa 1996 (Jugendliteratur – Theorie und Praxis)

Howald 1996
Stefan Howald: Max Nix aus Winkelburg und sein Anzug. Frankfurter Rundschau, 16.4.1996

Kästner 1953
Erich Kästner: Nur Jugendliteratur? Bemerkungen zum Jahrhundert des Kindes. Rede anlässlich der Züricher Internationalen Jugendbuchtagung. Zitiert nach: Hamburger Echo, 31.10.1953

mar 2009
mar: Funkelnde Klangkaskaden. Klassiker. Franz Fühmann erzählt Shakespeares „Wintermärchen“ für junge Leser nach. In: Stuttgarter Zeitung, 13.10.2009, S. 10

Mayer 17.10.2009
Peter Mayer: Über Daisy und andere Namen. In: Der Standard, 17.10.2009, S. A 9

Mayer 31.10.2009
Peter Mayer: Der Junge mit dem Spitznamen Klobürste. In: Der Standard, 31.10.2009, S. A 9

Neuhaus 2004
Stefan Neuhaus: Literaturkritik. Eine Einführung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004 (UTB2482)

 

Prof. Dr. Jens Thiele, Forschungsstelle Kinder- und Jugendliteratur

Kinder vertragen jede Form von Kunst

Lesen in Deutschland: Kann uns die Wahrnehmungspsychologie oder die Entwicklungspsychologie nicht verbindlichere Anhaltspunkte geben zum Beispiel, welcher Bildstil von einem dreijährigen Kind wahrnehmbar ist und welcher nicht?
Jens Thiele: Das Problem ist ja, das wir über solche Dinge sprechen, ohne dass wir ganz verlässliche empirische Forschung dazu haben. Man hat zum Beispiel in der Entwicklungspsychologie herausgefunden, dass zweieinhalbjährige Kinder zunächst keine Unterscheidungen vornehmen, was Bildstile angeht oder Bildkategorien. Sie schauen alles gleichermaßen neugierig an. Wenn das so ist, könnte man durchaus sagen, dass Bilderbücher für das frühe Bilderbuchalter vielfältiger und offener sein könnten. Man sollte also schon genauer hinschauen, was die Wahrnehmungsforschung an Ergebnissen bereithält.

Lesen in Deutschland: Hier tappt man also noch mehr oder weniger im Dunklen. Sehen auch Sie einen Forschungsbedarf?
Jens Thiele: Ja, einen hohen Bedarf, den größten Bedarf in der Bilderbuchforschung überhaupt. Es ist allerdings auch nicht einfach, Kinder in diesem Alter verlässlich zu testen. Man kann es nicht verbal machen, man kann es nur durch veranschaulichende Methoden machen. So kann man einen Dreijährigen ja schlecht in ein Interview verstricken. Da gibt es einfach methodische Probleme.

www.lesen-in-deutschland.de
www.jensthiele.de/forschung/

Zu Themen wie Scheidung der Eltern, Gewalt in der Schule oder Tod in Bilderbüchern

Diese Themen gibt es zwar in Bilderbüchern, dennoch ist mein Eindruck der, dass wir Erwachsenen immer noch zu sehr glauben, man müsse Kinder vor diesen Dingen schützen, obwohl Kinder im Alltag tagtäglich viele Konflikte und die Konfrontation miterleben. Im Bilderbuch wird immer noch versucht, künstliche Welten zu favorisieren, die mit dem Alltag der Kinder nicht viel zu tun haben. Bilderbuchgeschichten sollten durchaus stärker auf das eingehen, was Kinder beschäftigt und was Kinder erleben. Das heißt natürlich nicht in realistischer Weise, sondern auf symbolische Weise, auf bildnerisch oder erzählerisch vereinfachte Art oder in Metaphern. Kinder suchen ja im Bilderbuch nicht das Abbild ihrer Realität. Vielmehr ist es die Stärke des Bilderbuchs, das Bilder und Texte die Dinge auf eine symbolische Weise ansprechen, ohne dass das Kind sofort mit der Nase darauf gestoßen wird.

Quelle: www.lesen-in-deutschland ,
www.jensthiele.de/forschung/

James Krüss

Gedichte für Kinder

Dann gibt es Pädagogen, die vor lauter Pädagogik den Nonsense, den schönen Unsinn aus der Welt verbannen möchten. Ginge es nach ihnen, dürfte man Kindern weder Goethes vorzüglich lautmalendes »Zigeunerlied« noch Falkes anmutiges »Lügenmärchen« in die Hände geben. Diese Leute irren. Nichts ist für die Erziehung zum Geist nützlicher  und fördernder als Spaßmachen.

Über den Zeigefinger in der Kinderliteratur

Ich will nicht guter Onkel sondern Spielgenosse sein. Wenn ich manchmal ein bißchen mehr weiß als meine jüngeren Leser präsentiere ich die Weisheit nicht vom Katheder aus, sondern versuche, die Kinder an meiner Entdeckung teilnehmen zu lassen.
Wer als Autor Kindern Weisheiten verzapft, langweilt sie.

Quelle: Naivität und Kunstverstand, Beltz Monographien, 1969, S. 161

www.jameskruess.de

Wenn die Kunst die Moral besiegt

(…) ich will schildern, wie es gewesen ist. Das schließt moralische oder ethische, pädagogische oder didaktische Absichten aus.
(…) das meint: Die Geschichte auf die ihr zukommende Weise erzählen, das Einzelne so genau schildern, wie es möglich und für das Ganze notwendig ist, und jede Art von Konklusion dem Leser überlassen.

Quelle: Naivität und Kunstverstand, Beltz Monographien, 1969
www.jameskruess.de

Barbara Sichtermann

Vorsicht Kind – Das Kind als Forscher und die Konflikte des Laborassistenten

Eines der gröbsten Mißverständnisse über das Leben eines Kleinkindes ist die Meinung: es spielt: Ich habe noch kein Geschlecht getroffen, das so unrettbar an eine anspruchsvolle Arbeit verloren wäre wie die Kleinkinder. Zum Spielen haben sie keine Zeit. Hindert man sie nicht daran, so betreiben sie Tag um Tag vor allem eines: Forschung.

Jeder Erwachsene war einmal ein Kind, und häufig genug setzt das in der Kindheit Erlebte Grenzen für die Erfahrungsfähigkeit der Erwachsenen. Lebensgeschichte, die wirklich eine ist, hebt die biografischen Zeitalter auf, hält jedes stets gegenwärtig. Ein Erwachsener, der nicht zugleich Kind (geblieben) ist, dürfte wenig mehr sein als eine allseitig reduzierte Persönlichkeit.

Kindheit ist immer da: leibhaftig, als Kindervolk, und als Erinnerung, Vergangenheit, die ja eingreift in die Gegenwart. Wenn wir Kinder am Sich-Regen hindern, sperren wir uns selber ein.»Kind-bleiben-können« – das ist ein bürgerlich-romantisches Ideal, für das der spätbürgerliche Alltag mit seinen Effizienzkriterien nur Hohn übrig hat. Die Vorherrschaft von Effizienzkriterien untergräbt  schließlich ihre eigenen Zwecke, das ist ja das Paradoxe.

www.barbarasichtermann.de/

Jesper Juul

Man kann seine Kinder auch einfach nur genießen

SZ: Für Eltern ist Erziehung oft Stress.
Juul: Sie sind nicht von der Erziehung gestresst, sondern vom Erfolgsdruck. Drei Tage schlafen meine Kinder schon nicht ein. Bin ich eine schlechte Mutter? Was uns so anstrengt, ist ja diese Verpflichtung, zu erziehen. Dabei kann ich mir auch vornehmen, meine Kinder in den kommenden Wochen einfach zu genießen. Dann lerne ich, dass es auf meine Haltung ankommt. Was Kinder wirklich brauchen, ist, dass sie einfach nur dabei sind und die Eltern sich über sie  freuen.

SZ: Wer erziehen will, hat ohnehin den Eindruck, dass es zum einen Ohr rein und zum andern wieder raus geht.
Juul: Das Allermeiste, was wir unter Erziehung verstehen, erzieht in der Tat kaum. Wie sich unsere Kinder als 20-Jährige verhalten, ist nicht die Folge der Erziehung, sondern unseres Zusammenlebens in der Familie. Wir sind Vorbilder, gute und schlechte, 24 Stunden am  Tag.

SZ: Wir wären lieber gute Vorbilder.
Juul: Das ist so eine romantische Idee, aber es ist unmöglich. Wir sind einfach Vorbilder, punktum. Es gibt kein richtig und  falsch.

Interview Süddeutsche Zeitung vom 7.5.2012

www.sueddeutsche.de/wissen/

Gerald Hüther

Wissensdurst wird durch Klugscheißerei verdorben

SPIEGEL: Professor Hüther, der Bewegungsradius von Kindern, das Spielrevier, in dem sie sich frei bewegen können, wird immer kleiner. Wie wirkt sich das auf ihre Entwicklung aus?
Hüther: Kinder unter Daueraufsicht, die immer nur an der Hand von Erwachsenen umhergeführt werden, gleichen Haustieren, Stalleseln, die das Leben in der Freiheit nicht mehr kennen. Aus der Hirnforschung wissen wir, dass unter diesen Bedingungen die Ausreifung des Gehirns nicht optimal gelingt. Das Gehirn bleibt eine Kümmerversion dessen, was daraus hätte werden können.
SPIEGEL: Was ist falsch daran, wenn sich die Eltern in die Aktivitäten des Kindes einmischen?
Hüther: Die Eingriffe der Erwachsenen sehen häufig so aus, dass das Kind den Mut am eigenen Gestalten und Entdecken verliert – Wissensdurst wird durch Klugscheißerei verdorben. Nehmen wir ein einjähriges Kind, das endlich aus fünf Holzklötzen einen kleinen Turm gebaut hat und darauf stolz ist. Dann kommt der Papa nach Hause und sagt: »Oh, hast du einen schönen Turm gebaut! Aber guck mal, der Papa kann einen noch größeren!« So etwas ist tödlich. Der Vater mischt sich ins Spiel ein, statt das Kind zu ermutigen, und verdirbt ihm so den Spaß am Turmbauen. Ein vorbildlicher Vater schickt das Kind auf seiner Suche nach Antworten auf den richtigen Weg. Kinder müssen von Erwachsen inspiriert werden, nicht angeleitet.

Quelle: www.spiegel.de/

Maria Lypp

Lehrreiches Nichtgelingen

Wie kann die Kinderliteratur dem Nachdenken des Kindes über die Welt, das zudem poetisch ist, gerecht werden? Zunächst möchte ich Skepsis äußern gegenüber einigen forschen Versuchen im Stil »Denken ist in«. Die Entdeckerfreude über das kindliche Denken und der Eifer, es als brachliegendes Bildungspotenzial zu aktivieren, verführt leicht dazu, Kinder auf den Weg des ›richtigen‹ Philosophierens bringen zu wollen und dies in Form von Fragesammlungen zu tätigen. Die Gattung des Fragenbuchs, in der Kinderliteratur bewährt, vermittelt Wissenswertes in elementarisierter Form. Was ist Zeit?, Warum bin ich ich? – solche Fragen ohne verbindenden Kontext suggerieren dem jungen Leser, dass er sie just habe stellen wollen und nun – bitte kurz – infomäßige Antworten im Zehnerpack erwarte.

Die Kinderliteratur kann nichts Falscheres tun, als dem Kind, das sich zum Denken aufgemacht hat, einen Begriffsapparat schenken zu wollen. Das genuine Denken des Kindes ist vorbegrifflich. Wenn einem – als sehr kleines Kind – das Wort ›Welt‹ noch leer ist und man sich fragt, wo in aller Welt Hänschen-Klein da eigentlich hineingeht, dann ist man schon lange vorher denkend mit der Welt (im Sinne des Liedes: als etwas, worin man leicht verloren gehen kann) befasst: mit fremd und vertraut, fern und nah, daheim und woanders. Der Erwerb des Begriffs ›Welt‹ beendet dieses Forschen, man lässt die Dinge vorerst auf ihrem Begriff beruhen, wird erwachsen.

Quelle: Im Anfang war das Staunen
Schneider Verlag, Hohengehren
www.paedagogik.de/

Janusz Korczak

Wie man ein Kind lieben soll

Wir kennen das Kind nicht, schlimmer noch: Wir kennen es aus Vorurteilen. (…)

Kinder sind nicht so, wie du gemeint hast, sie sind ganz anders… Es gibt keine Kinder an sich  – es sind Menschen – aber mit einer anderen Begriffsskala, einem anderen Erfahrungsschatz, anderen Trieben und anderen Gefühlsreaktionen. Denk immer daran, dass wir sie nicht kennen.

Quelle: Wie man ein Kind lieben soll
Verlag Vandenhoek & Ruprecht
www.janusz-korczak.de/
www.kz-gedenkstaette-hailfingen-tailfingen.de

Kaspar H. Spinner

Staunen als ästhetische Kategorie

Was aber verbindet den Begriff des Staunens mit dem des Ästhetischen? Staunen ist ein Verhältnis zur Welt, das nicht von einer Handlungsintention, von Zweckrationalität bestimmt ist. Es ist eine Form der Wahrnehmung, die ganz dem Erscheinen des Wahrgenommenen zugewandt ist und die dem Wahrnehmenden ohne Gedanken an ein Wozu wertvoll ist.
(…)
Abzugrenzen ist ein solches Staunen allerdings vom bloßen Sensationsbedürfnis; das Staunen über Rekorde z.B. ist nicht ein Wahrnehmen um des Wahrnehmens willen, sondern lebt vom Vergleich zu anderen Leistungen und ist darauf ausgerichtet, dass der Rekord wieder überboten wird. Sensationsstaunen verweilt – anders als das ästhetische Staunen – nicht beim Wahrgenommenen.

Quelle: Im Anfang war das Staunen
Schneider Verlag, Hohengehren
www.paedagogik.de/

Literaturpädagogische Folgerungen

Staunen als ästhetische Erfahrung kann man Kindern nicht beibringen. Aber man kann unterstützend zu seinen Voraussetzungen beitragen. Was kann das konkret heißen?

•  Wir sollten als Erwachsene aufmerksam wahrnehmen, was Kinder beeindruckt, und sie darin ernst nehmen. Sie spüren unsere Aufmerksamkeit und sie ist ihnen Ermunterung.
•  Wir sollten Kinder nicht bedrängen, unsere eigenen positiven Gefühle gegenüber dem, was wir staunenswert finden, zu teilen. Wir können und sollen sagen, was uns beeindruckt – aber Kinder sollen sich frei fühlen in ihren Präferenzen. Staunen kann nicht aufoktroyiert werden.
•  Im nicht-repressiven Umgang allerdings kann die Kundgabe eigener Begeisterung ansteckend sein. Das gilt durchaus in beiden Richtungen, vom Erwachsenen zum Kind und vom Kind zum Erwachsenen.
•  Die kindliche Phantasie ist sprichwörtlich; aber auch sie bedarf der Unterstützung, z.B. dadurch, dass jemand da ist, der zuhört, wenn ein Kind etwas Ausgedachtes erzählen will. Sich von Kindern verlocken zu lassen, ihr Spiel der Phantasie mitzuspielen, ist nicht die schlechteste Maxime für eine Hinführung zur Literatur.
•  Wenn Geschichten zu einseitig im Hinblick auf eine Lehre (vor-)gelesen werden, ist das für einen ästhetisch-staunenden Zugang hinderlich. Zu diesem gehört es, auch aushalten zu können, dass bei einem Text etwas rätselhaft bleiben kann.

Quelle: Im Anfang war das Staunen
Schneider Verlag, Hohengehren
www.paedagogik.de/

Mitreden und
kommunizieren

Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190) Der Begriff der kindlichen Wahrnehmung definiert sich über Setzungen der Erwachsenen – das ist das Dilemma, mit dem sich alle, die Illustratoren wie die Verlage, der Buchhandel und die Käufer herumzuschlagen haben. So kommt es, daß letztlich jeder Begriff, der sich um die kindgemäße Wahrnehmung gruppiert, Schieflage hat. Wenn wir beispielsweise fragen, ob ein Kind ein Bild begreifen kann, dann legen wir üblicherweise einen Begriff von Bildverstehen zugrunde, der sich auf ein kognitives, rationales Erfassen von Bildinhalten bezieht oder auf einem formalästhetischen Erschließen der Bildstruktur beruht. Obwohl diese Kriterien nicht auszuschließen sind, können sie aber möglicherweise völlig irrelevant sein für die Bedeutung des Bildes beim Kind. In 90 % aller Bilder sind es vermutlich ganz andere, unbewußte, subjektive, situative Momente, die Interesse und Faszination für den Betrachter ausmachen. Auch wir Erwachsenen können unsere Momente der Anrührung, des Betroffenseins oder Gelangweiltseins vor Bildern nicht kategorisieren. Die Bildwahrnehmung ist nicht planbar, weder bei uns noch bei Kindern. Das heißt nicht, daß sie nicht wahrnehmbar und beschreibbar ist, aber sie ist nicht zu formalisieren, es sei denn, es geht um physiologisch-psychologische Vorgänge wie z.B. die Blickrichtungsmessung. Die Forderung nach dem kindgemäßen Bild ist, polemisch ausgedrückt, eine unaufrichtige, Kunst und Kind gleichermaßen mißachtende Forderung. Sie gibt weder dem Bild noch dem Kind eine Chance zur Annäherung. (Aus: Jens Thiele: Das Bilderbuch, Universitätsverlag Aschenbeck und Isensee, S.190)